Wie ich meine Brötchen verdiene

Einige unter euch, die meine Geschichten aus der Fremde nicht nur erhalten, sondern auch lesen, haben jüngst eine krude Vermutung geäußert. Ausweislich meiner Berichte verbrächte ich meine Zeit wohl vornehmlich in den bürokratischen Mühlen der beninischen Steuerverwaltung, auf der Suche nach offenen Tankstellen oder mit der minutiösen Überwachung von Klempnern. Das hat mich arg getroffen. Denn natürlich bin ich fest davon überzeugt, dass ich – um Tim Bendzko zu bemühen – rund um die Uhr „nur mal kurz die Welt retten“ muss. Zweifel an meiner edlen Mission sind inakzeptabel. So sehe ich mich nun gezwungen, dem Eindruck einer rein autozentrierten Tätigkeit entgegenzuwirken und proaktiv das segensreiche Tun unserer kleinen Equipe und natürlich des Repräsentanten der Friedrich-Ebert-Stiftung auf diesem Teil des schwarzen Kontinents zu schildern.
 
Das recht übersichtliche Team unseres Büros besteht aus derzeit zwölf Personen, zu denen auch die Wächter, der Fahrer und die Praktikant/innen gehören. Der größte Teil des nationalen Personals ist seit mehr als 20 Jahren in den Diensten der Stiftung und weiß zweifelsohne über beninische Wirklichkeiten, administrative Schleichwege und politische Strippenzieher besser Bescheid als jeder der periodisch wechselnden Chefs aus Deutschland. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass reformatorischer Eifer, abendländische Ungeduld und preußische Sekundärtugenden wie Sorgfalt, Disziplin und Ordnung, die ein „Neuer“ nun mal für gewöhnlich im Gepäck mitbringt, auf immense Beharrungskräfte stoßen.

Das Kölsche Grundgesetz mit seinen rheinischen Zauberformeln hat mir schon des Öfteren das nackte Überleben in solch schwierigen Situationen gesichert. Die unerschütterlichen Gewissheiten et es wie et es (Art. 1), et kütt wie et kütt (Art. 2) und et hätt noch emmer joot jejange (Art. 3) halfen auch hier über die ersten Tage hinweg, wenn die Altgedienten auf vorsichtige Veränderungsvorschläge mit der französischen Version von Art. 6: kenne mer nit, bruche mer nit, fot domet („sei vorsichtig im Umgang mit Neuerungen“) reagierten.

Nach einer gewissen Zeit des Lernens und der gegenseitigen Vertrauensbildung war es dann doch möglich, mit der Ansage et bliev nix, wie et wor (Art. 5) die ersten Grausamkeiten zu begehen. Qualitätssicherung bedeutete zunächst die Streichung irgendwann einmal geplanter Veranstaltungen, deren Sinnhaftigkeit sich - über den reinen „Mittelabfluss“ hinaus - auch nach wiederholtem Nachfragen nicht erschloss (Art. 8: mach et joot, ävver nit zo off). Abgeschriebene Hardware (Commodore 5150), Software (Lotus 1-2-3), Malware (das digitale und im wahrsten Sinne des Wortes virtuelle Inventar der Jahre 1995 bis 2008) und Brainware (F. Walter: „Abschied von der Toskana. Die SPD in der Ära Schröder“) wurden entsorgt; Bedenken versuchte ich durch die Einlassung wat fott es, es fott (Art. 4) zu zerstreuen. Hart wurde es allerdings bei der Reduzierung der Anzahl der Wochenendseminare.

Diese einsame Entscheidung hatte neben mehr Freiheit für gemeinsame Unternehmungen mit meiner Gattin und mehr Zeit für das Verfassen von anekdotischen Texten über meine Abenteuer in Afrika auch den kollateralen Effekt eines erheblichen Abbaus von – je nach Blickwinkel – sowohl kosten- als auch einkommenswirksamen Überstunden. Den energischen Widerspruch der Angestellten gegen die überschwängliche Fürsorge ihres Arbeitgebers versuchte ich mit dem Verweis auf die Kämpfe der deutschen Arbeiterbewegung für 5-Tage- und 40-Stunden-Woche zu entkräften („Samstags gehört Vati mir!“). Allein: es gelang mir nicht! Der Vorschlag eines Freizeitausgleichs statt monetärer Kompensation der Mehrarbeit wurde als soziokulturell völlig unangemessen etikettiert und mit der Universalfrage wat soll dä Kwatsch? (Art. 9) als jenseits alles Vorstellbaren abgetan. Doch schließlich fügten sich die Kolleg/innen murrend mit wat wells de maache? (Art. 7) in das von ihrem neuen Chef (jede Jeck is anders) verordnete Schicksal.

Doch glücklicherweise haben sie sich nicht in die innere Emigration verabschiedet. Denn wie andere Organisationen der internationalen Zusammenarbeit genießen wir das große Privileg, über engagierte, kompetente und vor allem über intrinsisch motivierte Fachkräfte zu verfügen, die größere Zumutungen hinnehmen, wenn man sie nur arbeiten lässt. Das geht bei der Friedrich-Ebert-Stiftung als säkularer Körperschaft zwar nicht so weit wie bei manchen religiös ausgerichteten Vereinen („für Jesus Christus arbeiten heißt leiden“), aber auch bei uns sind die Schmerzschwellen eher hoch.

Die Kolleg/innen sind es auch gewohnt, ohne Führung ihr Handwerk auszuüben. Daher ist es schon als Zugeständnis zu werten, wenn man mir anfangs erlaubte, diverse Seminare und Konferenzen als Grüßaugust zu eröffnen und zu beschließen und dazwischen ein möglichst intelligentes Gesicht zu machen und einen guten Eindruck zu hinterlassen. Immerhin hat mir das erlaubt, die oben geschilderte systematische Müllabfuhr vorzunehmen, eine ganze Reihe unerledigter Dossiers zu schließen und mich mit unseren Schwerpunkten (Demokratieförderung und Unterstützung menschenwürdiger Arbeit) intensiver auseinanderzusetzen - und mich zunehmend auch einzuklinken.

Demokratie. In Benin wurden vor 30 Jahren nach dem Ende der Diktatur demokratische Institutionen wie Parlament und Verfassungsgericht geschaffen und politische Parteien, Gewerkschaften und freie Meinungsäußerung erlaubt. Dennoch werden die Geschicke des Staates von wenigen einflussreichen Männern bestimmt, die durch Stimmenkauf und das Versprechen materieller Vorteile für die jeweilige Klientel Wahlvolk und Abgeordnete für sich einnehmen. Mit wenigen Ausnahmen gehören Zeitungen und Rundfunksender entweder dem Staat oder reichen Unternehmern. Geschickte personalpolitische Entscheidungen sorgen dafür, dass potentielle Kontrollorgane mit den eigenen Kumpeln besetzt werden. Und schlussendlich werden politische Gegner durch fragwürdige juristische Tricks ausgeschaltet. So kann durchregiert werden; persönliche Interessen bleiben gewahrt. Einerseits mag es ja schön sein, dass das „westliche Modell“ in Afrika offenbar wieder konkurrenzfähig wird, wenn nur Leute wie Donald Trump oder Boris Johnson als Vorbilder dienen. Andererseits bleibt „Demokratieförderung“ unter solchen Umständen darauf beschränkt, zivilgesellschaftliche Akteure zu unterstützen, die sich noch aus der Deckung trauen, Transparenz und Rechenschaft einfordern und die täglichen kleinen und großen Skandale offenlegen. Das machen wir, auch wenn dieser Raum ständig kleiner wird.
Menschenwürdige Arbeit. 90 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung Benins sind informell tätig. Arbeitslos sein: das kann sich niemand leisten. Bedingungen und Entlohnung sind schlecht, die Aussichten auf eine Verbesserung ebenfalls. In den letzten 30 Jahren hat sich bei den Lebensumständen der „normalen“ Menschen wenig zum Besseren gewendet. Die Ungleichheit hat zugenommen. Vom moderaten Wachstum profitieren konnte lediglich eine wachsende Mittelklasse von Angestellten in Ministerien, dem Staatsapparat und internationalen Organisationen. Bündnispartner für uns sind normalerweise die nationalen Gewerkschaften, die sich bisher nur mit begrenzter Euphorie für den informellen Sektor interessiert haben. Sie sind zersplittert und mitgliederschwach und werden von alten schwarzen Männern dominiert. Interessant: die Verbände finanzieren sich nicht durch Beiträge ihrer Mitglieder, sondern werden vom Staat alimentiert. Man kann sich vorstellen, welche Kraft diese Avantgarde der Arbeiterklasse unter diesen Bedingungen entfaltet. Nun: wir kooperieren seit einem Dreivierteljahr verstärkt mit den Vertretungen des informellen Sektors und Reformkräften innerhalb der Gewerkschaften. Und es macht Freude, dynamischen und engagierten Repräsentanten von Marktfrauen, Reifenflickern und Steineklopfern zuzuhören und sie dabei zu unterstützen, auch bei Gewerkschaften und Regierung Gehör zu finden.

Dabei versuche ich mich aus dem operativen Geschäft so weit wie möglich herauszuhalten und damit am und nicht im System zu steuern. Das heißt, Ziele, Erfolgskriterien und Verfahren zu vereinbaren statt zu versuchen, die einzelnen Veranstaltungen unmittelbar zu beeinflussen. Das fällt mir oft schwerer als es sich liest. Glücklicherweise lässt sich die Zentrale der Stiftung – ganz bestimmt auf Druck der uns alimentierenden öffentlichen Hand und mit Sicherheit beseelt von der Aufgabe, unsere Arbeit im Ausland schöner, schneller und schlanker zu machen – immer wieder etwas Neues wie die Anwendung der „Unterschwellenvergabeordnung“ einfallen. So kann ich mich auf meine wichtigste Tätigkeit konzentrieren, die Bürokratiefolgenabarbeitung. Es kommt hinzu, dass man in Berlin mit der französischen Sprache und im Benin mit der deutschen Sprache so seine Probleme hat. Ich bin sozusagen der Flaschenhals des Kommunikationsflusses in beide Richtungen und daher oft „lost in translation“ – leider ohne Scarlett Johansson ...

Nebenbei bin ich meist mein eigener Sekretär (was gäbe ich nicht für eine Rückendeckung à la Martina N., Karin S. oder Florence B., die ich Bonn und Eschborn erfahren durfte!), der IT-Hauptadministrator (ich habe gerade eine Ausschreibung für  einen PowerEdge R640 MLK Motherboard mit Intel Xeon Silver 4210 2.2G, 10C/20T, 9.6GT/s, 13.75M Cache, Turbo, HT (85W) DDR4-2400 gestartet) und Oberbuchhalter des Projekts (wobei es mir immer noch nicht gelungen ist, ein Fahrtenbuch für den eigentlich immobilen Stromgenerator einzuführen). Die Aufzählung ist zufällig, aber nicht vollständig. Ihr seht – um zum Schluss noch einmal Tim Bendzko zu zitieren: „… da draußen brauchen sie mich jetzt!“