Milchmädchenrechnungen

"Da von dem Kopf, oh je, oh je,

Fiel ihr der Topf, oh weh, oh weh,

Und ging am Boden rasch in Stücke.

Mit sehr betrübtem Blicke

Beschaut sie ihr verschüttet‘ Glück.“

In der hier auszugsweise zitierten Fabel „Das Milchmädchen und der Milchtopf“ erzählt der französische Poet Jean de la Fontaine (1621-1695) von dem Bauernmädchen Perrette, das am frühen Morgen mit dem Milchtopf auf dem Haupt in die Stadt geht, um Milch zu verkaufen. Unterwegs malt sie sich aus, was sie mit dem Erlös alles anstellen könnte: Hühner kaufen, dann deren Eier verkaufen, davon ein Schwein, später eine Kuh anschaffen und schließlich einen ganzen Bauernhof. Vor lauter Begeisterung über ihren Business Plan gerät sie ins Stolpern, und mit der Milch verrinnt auch die schöne Illusion.

„Milchmädchenrechnung“ nennt man daher einen Wunschtraum, der auf falschen Annahmen und Berechnungen beruht. Der Begriff ist mir spontan eingefallen, als ich gestern die Regierungszeitung La Nation aufschlug und erfahren musste, wie sich angeblich die wirtschaftliche Situation der Menschen in „meinem“ Land schlagartig verbessert hat. Das beninische Finanzministerium habe nämlich eine in diesen traurigen Corona-Zeiten wahrlich beglückende Botschaft verkündet: Am 1. Juli sei Benin, zum ersten Mal in der Geschichte des Landes, von der Weltbank in die Gruppe der „Mitteleinkommensländer“ aufgenommen worden. 

Natürlich sei diese rosige Entwicklung den ökonomischen Initiativen der gegenwärtigen Regierung zu verdanken, die es geschafft habe, innerhalb nur eines Jahres das Jahreseinkommen des Durchschnittsbeniners von umgerechnet 870 US$ auf 1.250 US$ anzuheben, also um schlappe 44 Prozent! La Nation jubelte: „Der Statuswechsel des Benin ist einmal mehr die Krönung der zahlreichen Reformen, die von der Regierung von Präsident Patrice Talon initiiert und umgesetzt wurden.“

Ein Blick auf die Website der Weltbank bestätigt die Information. Allerdings findet sich dort ein kleiner Hinweis, dass für die neue Einstufung Benins die jüngste Revision der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung eine wichtige Rolle gespielt habe. Weitere Erläuterungen erfolgen nicht. Aha. Makroökonomie, erstes Semester Grundstudium. Statistik. Schwere Kost also. 

Ich will diesen Beitrag nicht über Gebühr belasten. Doch so viel Theorie muss sein: von Zeit zu Zeit muss die Basis der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts revidiert werden, weil sich die ökonomischen Rahmenbedingungen verändert haben. So verschwinden zum Beispiel Branchen, oder sie verlieren an Bedeutung, wieder andere kommen neu hinzu. Gerade in Ländern mit einer großen informellen Wirtschaft, die in den meisten afrikanischen Staaten dominiert, verschieben sich die Beiträge einzelner Sektoren zum Sozialprodukt dynamisch. Auch Inflation und andere Parameter müssen für die Berechnung neu berücksichtigt werden.

Die Weltbank empfiehlt zur Vermeidung von Sprüngen in der Statistik, die neue Basis auch für die Darstellung der Vorjahre anzuwenden, um eine auf der gleichen Grundlage basierende Zeitreihe zu ermöglichen. Genau dies hat Benin bei seiner jüngsten Darstellung nicht getan. Das heißt: für das Jahr 2018 wurde mit den alten Bezugsgrößen gerechnet, für das Jahr 2019 mit der neuen Basis – sozusagen ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. 

Ein in die Vereinigten Staaten ausgewanderter beninischer Nationalökonom hat die Zahlen für letzten zurückliegenden Perioden mit den neuen Werten nachgerechnet und kommt zu einem völlig anderen Ergebnis als die Regierung: nach seiner Kalkulation lag bereits 2014 das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Benin bei 1.270 US$, das heißt 20 US$ höher als im Jahr 2019. Statt einer fulminanten Verbesserung ist also eine geringe reale Verschlechterung der durchschnittlichen Einkommenshöhe festzustellen. Das Gegenteil dessen, was behauptet wird.

Ein Wert wie das durchschnittliche Einkommen sagt freilich wenig über die Situation der Bevölkerung aus, wenn man die Einkommensverteilung nicht in Betracht zieht. Und da sieht es in Benin düster aus: Der für die Messung der Einkommensungleichheit maßgebliche Gini-Koeffizient beträgt für Benin 47,8 (2015), einer der miserabelsten auf dem afrikanischen Kontinent. Schlimmer noch: er hat sich innerhalb der letzten 30 Jahre immer weiter verschlechtert. Für Deutschland betrug dieser Wert übrigens 31,1 (2018), was in etwa dem EU-Durchschnitt entspricht. Ein Kommentator drückte es so aus: „Die Regierung schreitet voran, das Volk bleibt zurück.“ Auf jeden Fall ist es geschickte Propaganda.

Ein bisher in der Diskussion nicht aufgetauchter Nebeneffekt, aber für die Politik der Regierung extrem wichtig ist die Tatsache, dass der Internationale Währungsfonds das Nationaleinkommen verwendet, um die Staatsschuldenquote zu berechnen. Es ist auch ohne größere mathematische Kenntnisse leicht nachzuvollziehen, dass sich ein höherer Nenner (das Nationaleinkommen) positiv auf den Grad der Verschuldung auswirkt, weil die Kredite (der Zähler) durch einen größeren Betrag geteilt werden. Benin, welches in den letzten Jahren vermehrt Kredite auf privaten Geldmärkten aufgenommen hat, bleibt dadurch unterhalb der von der für die westafrikanische Währungsunion gesetzten Schwelle, was die weitere Kreditaufnahme erleichtert und die Zinshöhe positiv beeinflusst. Das dicke Ende … kommt später.

Um am Ende noch einmal Jean de la Fontaine zu zitieren: 

„Wer liebt zu schweifen nicht im Blauen, 

und wer Luftschlösser nicht zu bauen?

Picrocholus, Pyrrhus und die Milchfrau, jeder fällt,

der Narr dem Weisen gleichgestellt …“


Was Westafrika wirklich will

Einige Regierungen unserer Subregion verfolgen unter Wahrung größtmöglicher Diskretion mit Hilfe auch deutscher Politiker seit Jahren den Plan, dass Westeuropa bis spätestens 2030, wenn möglich früher, den westlichen Teil des afrikanischen Kontinents übernimmt. Klingt erst einmal unwahrscheinlich, stimmt. Deswegen habe ich für alle Tatsachenbehauptungen in diesem Text die jeweiligen Quellen (am Ende des Beitrags) aufgeführt. Die Beweise, die ich in den letzten Tagen in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen habe, belegen zweifelsfrei, dass bereits alle notwendigen Vorbereitungen für die Übersiedlung getroffen sind.


Doch von Anfang an. Vor drei Wochen hockte ich mit meinem alten Kumpel Jerôme bei einem Bier[1] in unserer Stammkneipe „Livingstone“[2] zusammen. Seit meinem ersten Benin-Einsatz Ende der 80er Jahre sind wir in freundschaftlichem Kontakt. Damals, beim Zusammenbruch des sozialistischen Wirtschaftssystems, waren auch die Finanzinstitutionen ins Straucheln geraten.[3] Unter ziemlich dramatischen Umständen konnte ich mit Hilfe des mittlerweile verstorbenen deutschen Botschafters Jerômes bescheidenes Guthaben aus der unter belgischer Treuhandschaft stehenden Staatsbank Banque Béninoise de Développement retten.[4] Das hat er mir nie vergessen. Der heute 68jährige Einser-Jurist hat nach dem Studium in Frankreich und den USA unter vier Präsidenten Benins gedient und gehört zu den sogenannten „grauen Eminenzen“ Westafrikas.[5], [6], [7]

Seiner Darstellung zufolge haben sich 1991 die damals amtierenden Präsidenten Abdou Diouf (Senegal), Félix Houphouët-Boigny (Côte d’Ivoire), Nicéphore Soglo (Benin), Blaise Compaoré (Burkina Faso) und Ali Saibou (Niger) am Rande ihres jährlichen G5-Monopoly-Turniers[8] in Abidjan überlegt, wie man langfristig den Bevölkerungen ihrer Länder eine tragfähige Zukunftsperspektive bieten könne. Die Wirtschaft lag in allen fünf Ländern am Boden.[9] Die Infrastruktur war zerrüttet.[10] Etliche Dürrejahre hintereinander hatten zu katastrophalen Ernteausfällen in der Landwirtschaft geführt.[11] Man war sich einig, dass Europa dafür verantwortlich sei, weil es zunächst durch den Sklavenhandel, dann den Kolonialismus und – nach der Unabhängigkeit – den westlichen Imperialismus die jungen Staaten an ihrer Entfaltung gehindert hatte.[12] Warum nicht die Europäer den ganzen Mist, den sie angerichtet hatten, selbst in Ordnung bringen zu lassen? Eine Masseneinwanderung von Europa nach Afrika wäre vermutlich keine schlechte Option.[13]
 

Doch wie sollte man das anstellen? Es gab sicherlich Aspekte, die für eine Wanderung von Nord nach Süd sprachen: Westeuropa war im Vergleich zu Westafrika hoffnungslos überbevölkert.[14] Der Zeitunterschied zu den westafrikanischen Ländern war insbesondere nach der Einführung der mitteleuropäischen Sommerzeit im Jahr 1980[15] nicht nennenswert. Die Tatsache, dass in Frankreich, Monaco, Teilen Belgiens, der Schweiz, Luxemburgs und des Saarlands die Administration, das Geschäftsleben und die Kultur Europas frankophon geprägt waren, wurde als positiver Faktor für einen Teil des Plans gesehen. Der damals einsetzende Klimawandel führte darüber hinaus zu einer Angleichung von Temperaturen, Trockenzeiten und Mückenplagen in beiden Regionen, sodass sich die Europäer in ein paar Jahrzehnten auf das westafrikanische Wetter eingestellt hätten. Aber reichte das wirklich, um satte Bürger des Okzidents dazu zu bringen, den Hintern hochzubekommen und die weite Reise übers Mittelmeer und durch die Sahara[16] anzutreten?

So entstand also die Strategie „Ouest-Eufrique 2030“ der G5, die auf drei Säulen basierte. Erstens sollte die autochthone Bevölkerung des „alten Kontinents“ langsam zur Migration nach Afrika verführt werden. Zweitens sah man vor, erhebliche Geldmittel nach Europa zu schleusen, um kontinuierlich ein finanzielles Polster für die Bearbeitung von Entscheidungsträgern aufzubauen. Und drittens wollte man mittels eingeborener Influencer in Europa für das afrikanische Unterfangen werben. Es ist erstaunlich, wie in den letzten 30 Jahren unter den Augen einer angeblich wachsamen und kritischen Öffentlichkeit, investigativer Journalisten und verantwortungsvoller Politiker vollendete Tatsachen geschaffen wurden …

Kommen wir zur ersten Säule, der Betörung der europäischen Bevölkerung. Man wollte in einem ersten Schritt zunächst möglichst viele Europäer zu sich holen. Hatte man sich in Afrika bis Anfang der 90er Jahre noch gegen die Präsenz ausländischer Experten und anderer Weißnasen gewehrt,[17] so wurden diese im Rahmen der Umsetzung von Ouest-Eufrique 2030 regelrecht umworben.[18] Es wurde angenommen, dass die Expatriates aus Europa, viele davon jung und ungebunden wie die fröhlichen Sandalenträger des Deutschen Entwicklungsdienstes,[19] andere reif und weltoffen wie die Fachkräfte des Senior-Experten-Service,[20] Gefallen an den meist jüngeren Afrikanerinnen und Afrikanern finden würden. Die Hypothese erwies sich als richtig: viele blieben direkt nach dem Einsatz bei ihren Liebsten in Afrika, andere nahmen ihre Gesponse vorerst mit in die alte Heimat. Die Zahl der europäisch-afrikanischen Ehen hat in der Folge stark zugenommen. Statistiken aus Frankreich zeigen, dass fast ein Siebtel aller Ehen mittlerweile gemischt sind. Der afrikanische Anteil steigt ständig.[21] In Deutschland sind die Zahlen seit dem afrikanischen Strategiewechsel geradezu explodiert: waren es in den 80er Jahren nur 6% der Ausländer, die einen deutschen Partner hatten, so ist es heute jeder Vierte.[22] In Baden-Württemberg, dem deutschen Epizentrum reisefreudiger und paarungswilliger Entwicklungshelfer, ist dieser Trend mit R-Werten weit über 1,0 besonders ausgeprägt.[23] Mittelfristig, so die Annahme der G5, führten Heimweh, Sehnsucht und der Wunsch nach Familienzusammenführung dazu, dass sich ganze Sippen auf den Weg zurück nach Afrika machen. Es geht also mitnichten um Flüchtlinge, Asylsuchende und Migranten, die nach Europa drängen, wie ruchlose rechte Rattenfänger hohlen Hirnen tumber Toren einreden.[24] Die Reise geht in die umgekehrte Richtung!

Die Aktivitäten in der zweiten Säule sind leider wenig transparent und erfordern weitere Untersuchungen, so dass ich nur kursorisch die wesentlichen Entwicklungen schildern kann. Westafrika war bis 1990 Netto-Empfänger von Kapital. Doch diese Situation hat sich sehr verändert. Eine jüngere Studie[25] kommt zu dem Ergebnis, dass Afrika weltweit mittlerweile eher Gläubiger als Schuldner ist: Zwischen 1990 und 2015 sind - Tendenz steigend - mehr als 750 Milliarden Dollar aus Afrika verschoben worden, und dies mit dem Ziel, Schlüsselpersonen der europäischen Politik zu überzeugen. Ein Großteil der afrikanischen Fonds wird in der Schweiz gebunkert,[26] da es hier die höchste Dichte von Banken gibt, die keine Auskunft über obskure Transfers erteilen. Der Vorwurf der Kapitalflucht, der oft in der Presse erhoben wird, greift völlig daneben: es handelt sich um innovatives Human-Portfolio-Management der Afrikaner. Ein großes klassisches Investment in den Kauf von Weingütern im Bordeaux und in der Toskana, von Bademodeherstellern und Bordellen erwies sich dennoch als unerlässlich,[27] um ständig Nachschub für den Bedarf europäischer Abgeordneter zu besorgen.[28] 

Schließlich die dritte und wichtigste Säule, die Beförderung bekannter Influencer auf die politische Entscheidungsebene, hier am Beispiel Deutschlands dargestellt. Nur wenigen dürfte bekannt sein, dass der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller von ebenjenen dunklen Mächten angeworben wurde, um undercover für das Umsiedlungsprojekt zu werben. Müller war 1988 vom verstorbenen CSU-Politiker Franz-Josef Strauß, mit dem er auch sonst häufig über Kreuz war,[29] öffentlich als „pubertär und lausbübisch“ abqualifiziert worden.[30] Darauf setzte er sich gekränkt erst einmal für ein paar Jahre ins Europaparlament ab, wo er Wilfried T. von den Grünen kennenlernte, mit dem er ab 1992 im Ausschuss für die Zusammenarbeit mit Afrika saß.[31], [32] Wilfried T., später Bereichsleiter der moribunden Entwicklungsorganisation InWEnt und anschließend Direktor für Internationales der Rosa-Luxemburg-Stiftung,[33] hatte ihn im Anschluss an eine Sitzung mit Agenten der G5 zusammengebracht. Bei diesem Gespräch, so mein Gewährsmann Jerôme, habe man Müller zugesagt, dass er bei künftigen Besuchen in Togo die von seinem alten Widersacher Franz-Josef Strauß genutzte Citroën „Déesse“[34] exklusiv fahren dürfe und im Restaurant „Alt-München“ in Lomé auf ewig Eisbein mit Sauerkraut auf der Speisekarte stehen würde.[35] Damit sei Müller schlussendlich „umgedreht“ und für die afrikanische Sache gewonnen worden.

Der fing die Sache behutsam an, um nicht aufzufallen. Nach der Rückkehr aus Brüssel ließ er sich in den Bundestag wählen und etablierte zunächst als außenpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion[36] ein einschlägiges Netzwerk, das er im Ausschuss für Tourismus erweiterte.[37] 2005 wurde er Parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium unter Horst Seehofer und blieb es auch unter Ilse Aigner, die ein Herz für Afrika hatte und gern dorthin reiste.[38] In ihrer Abwesenheit konnte er heimlich ein erstes Vorhaben seiner Auftraggeber auf den Weg bringen: die Vorbereitung eines schnellen G5-Netzes zur kommunikativen Kontamination der ländlichen Bevölkerung durch die afrikanischen Regierungen.[39] Ansonsten verharrte er sogar tagsüber in seiner Rolle als „Schläfer“, wie er in einer Fragestunde des Bundestags offen bekannte: „Vor ein paar Wochen, mittags um 12 Uhr, war ich zu Hause, lag auf der Terrasse und sah, wie ein Fuchs vorbeiging. Stellen Sie sich das einmal vor!“[40]

2013 wurde er nach und nach stärker aktiviert. Zum Entwicklungsminister aufgebaut, behauptete er gegen besseres Wissen und gängige Praxis in der Entwicklungszusammenarbeit: „Afrikaner wollen und können ihre Probleme selber lösen“, was im Bundestag für Heiterkeit sorgte.[41] Engagiert pries er Afrika als künftige Heimat für die Deutschen an: „Afrika ist ein faszinierender Kontinent: Wüsten und Regenwald, 2000 Sprachen und Kulturen, eine pulsierende Jugend, fruchtbarste Böden – nicht nur Wüsten und Trockenheit –, Vielfalt der Arten, die Einzigartigkeit der Natur, das Ökosystem der Tierwelt.“[42] Und er ließ mit der Propaganda nicht locker. In der Münchner „Abendzeitung“ warb er: „Afrika ist auch für Deutschland eine große Chance.“[43] Die Appelle, in denen er die Deutschen zur Emigration nach Afrika aufforderte, wurden in letzter Zeit immer drängender, so z. B. im Artikel „Auf nach Afrika!“ in der renommierten ZEIT.[44] Doch nicht nur Intellektuelle wurden umworben. Mit der unbegrenzten Freiheit für Männer in Afrika, die unbeanstandet einen Großteil ihres Einkommens für „Alkohol, Suff, Drogen, Frauen“ ausgeben dürften[45], umgarnte er am 2. November 2016 auch praktisch denkende Zeitgenossen an bayerischen Stammtischen. Diese Aussage ging allerdings seinen Hinter-Männern, die in ihren Ländern selbst genug Trunkenbolde und Polygamisten haben und nicht mehr davon benötigen, entschieden zu weit. Sie forderten ihn zu einer Entschuldigung auf, die er knapp zwei Wochen später auch abgab. [46]

2017 glaubte er sich fast in der Endrunde: „Die afrikanischen Partner und Freunde …“- mit letzteren meinte er wohl seine Auftraggeber aus Westafrika - „… haben (…) ihre Ziele formuliert. Wir haben uns daran orientiert und wollen diese Ziele mit ihnen erreichen.“[47] Sein neuestes Manifest „BMZ 2030“ - angeblich in Bielefeld gedruckt, obwohl es diese Stadt nachweislich nicht gibt[48] - deckt sich in großen Teilen mit der bereits genannten Ouest-Eufrique 2030-Strategie. Gut, es gibt einen Unterschied: das afrikanische Papier (s.o.). benennt drei Säulen, BMZ 2030 deren vier.[49] Den Umzug der Afrikaner nach Europa und vice versa spricht er verständlicherweise nur verschlüsselt an: „Alles hängt mit allem zusammen, wir leben in einem globalen Dorf und das müssen wir verstehen. Deshalb sage ich: Umdenken im Kopf.“[50] Vor wenigen Tagen wurde er auf seiner Homepage, bei der Werbung für sein neues Buch „Umdenken“, noch um einiges deutlicher: „Unsere Lebensumstände morgen, und die Zukunft unserer Kinder entscheiden sich heute auch und gerade in fernen Kontinenten – in Afrika, …“.[51] Braucht es weitere Belege?

Jerôme war allerdings ein bisschen skeptisch, was die konkrete Einleitung der nächsten Schritte angeht. Die Covid-19-Pandemie, die Afrika bisher vergleichsweise wenig getroffen hat, hätte den Regierungschefs gezeigt, welche Risiken sie bei mit der europäischen Einwanderung eingingen. Anders als im Norden wären die meisten Bürgerinnen und Bürger den Anweisungen ihrer Regierungen in der Krise bereitwillig gefolgt, ohne dass es zu größeren Protesten gekommen wäre. Telefon und Internet könne man jederzeit abschalten und Blogger und Journalisten problemlos einsperren. Würden das die Neuankömmlinge ohne Weiteres mitmachen? Jerôme glaubt, dass man sich in den Präsidentenpalästen Westafrikas in diesen Wochen sehr genau überlegt, ob man Gerd Müller nicht einfach „abschalten“ oder übergangsweise in den Schläfermodus versetzen sollte, bis die Diskussionen abgeschlossen sind. Die nächste G5-Monopoly-Runde findet übrigens Ende Juni statt. Ich bin gespannt.

Quellen (ctrl und Doppelklick)
[1]    Siehe dazu insbesondere: https://sobebra.bj/biere-la-beninoise/ (Zugriff am 20. Mai 2020).
[2]   Vgl. https://www.livingstonehotelbenin.com/fr/restaurant/ (Zugriff am 19. Mai 2020). Teilweise kritisch: https://www.tripadvisor.de/Hotel_Review-g297314-d6640397-Reviews-Livingstone_Hotel_Restaurant-Cotonou_Littoral_Department.html (Zugriff am 20. Mai 2020).
[3]   Vittin, Théodore. 1990. Le Bénin à l‘heure du renouveau démocratique. Politique Africaine, No. 38/1990 (März 1990), S. 138-142. http://www.politique-africaine.com/numeros/pdf/038138.pdf (Zugriff am 17. Mai 2020).
[4]   Es handelt sich hier um ein dunkles Kapitel aus den Anfängen meiner beruflichen Karriere, wo ich unter Nutzung von fabrizierten Dokumenten, fake news und muskulösen Chauffeuren umgerechnet 200.000 Euro Entwicklungshilfegelder aus der Konkursmasse der zusammengebrochenen Staatsbank Banque Béninoise de Développement wieder der Projektkasse zuführen konnte. Vgl. auch: African Development Bank. 2003. Bénin. Programmes d‘Ajustement Structurel I, II, III. Abidjan, 19. November 2003. https://www.afdb.org/fileadmin/uploads/afdb/Documents/Evaluation-Reports-_Shared-With-OPEV_/00157875-FR-BENIN-PAS-I-II-III.PDF (Zugriff am 18. Mai 2020).
[5]   Jeune Afrique. 2012. Le Bénin et ses conseillers particuliers. 24. Januar 2012. https://www.jeuneafrique.com/188769/politique/b-nin-le-pr-sident-et-ses-conseillers-particuliers/ (Zugriff am 17. Mai 2020).
[6]   Pambazuka News. 2010. Qui sont les éminences grises des palais africains ? 12. September 2010. https://www.pambazuka.org/fr/governance/afrique-qui-sont-ces-%C3%A9minences-grises-des-palais-africains (Zugriff am 17. Mai 2020).
[7]   Glaser, Anton. 2014. AfricaFrance. Quand les dirigeants africains deviennent les maîtres du jeu. Paris: Fayard.
[8]   Aydin, Karen et al. (Hrsg.). 2018. Games of Empires. Kulturhistorische Konnotationen von Brettspielen in transnationalen und imperialen Kontexten. Münster: LIT.
[9]   Adedeji, Adebayo. 1988. La situation économique de l’Afrique: vers une reprise? Politique Etrangère 53:3, S . 621-638.
[10] Chauvin, Emmanuel, Nora Mareï et Jerôme Lombard. 2017. Les circulations mondialisées en Afrique : promotion, adaptation et contournement. GéoCarrefour 91:3. https://journals.openedition.org/geocarrefour/10313 (Zugriff am 17. Mai 2020).
[11] Sciences et Avenir. 2009. Les sécheresses en Afrique de l’Ouest. 17. April 2009. https://www.sciencesetavenir.fr/nature-environnement/secheresses-en-afrique-de-l-ouest_5959 (Zugriff am 17. Mai 2020).
[12] Mazrui, Ali. 1998. L’histoire Générale de l’Afrique. VIII: L’Afrique depuis 1935. Paris: UNESCO.
[13] Diese Idee wurde später auch wissenschaftlich untermauert. Vgl. Cohen, Robin. 2017. Refugia: a Utopian solution to the crisis of mass displacement. The Conversation, 7. August 2017. https://theconversation.com/refugia-a-utopian-solution-to-the-crisis-of-mass-displacement-81136 (Zugriff am 19. Mai 2020).
[14] Für Westafrika: CEDEAO und OECD. 2007. L’atlas de l’intégration régionale en Afrique de l’Ouest. Abuja und Paris, November 2007. https://www.oecd.org/fr/csao/publications/39803778.pdf (Zugriff am 20. Mai 2020). Für Westeuropa: Avdeev, Alexandre. 2019. Situation démographique en Europe. Paris: Université de Paris Sorbonne, 21. August 2019. http://dmo.econ.msu.ru/Teaching/DemoEurope/1%20Introduction,%20Trans-demo.pdf (Zugriff am 20. Mai 2020).
[15] Ohne Großbritannien. Vgl. ausführlich: Lammers, Anne. 2016. Die Synchronisierung Europas. Die Einführung der Sommerzeit als Instrument der Krisenbewältigung und europäischen Harmonisierung, 1973-1996. Themenportal Europäische Geschichte. https://www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1693 (Zugriff am 20. Mai 2020).
[16] Damals war es noch ohne Probleme möglich, die Strecke Niamey-Agadez-Tamanrasset-Alger zu befahren. Ab Mitte der 90er machten erst der Tuareg-Aufstand, dann islamistische Terrorbanden eine Reise unmöglich. Dennoch ist es relativ unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit gelungen, den südlichen Teil der Route zu asphaltieren, um nach dem Sieg des Guten über die Kalifatskrieger auch tiefergelegten Boliden aus Europa die Fahrt zu erleichtern. Vgl. auch: African Development Bank und UN Economic Commission for Africa. 2003. Review of the Implementation Status of the Trans African Highways and the Missing Links. Stockholm, 14. August 2003. https://www.afdb.org/fileadmin/uploads/afdb/Documents/Project-and-Operations/00473227-EN-TAH-FINAL-VOL2.PDF (Zugriff am 20. Mai 2020).
[17] Easterley, William. 2015. The tyranny of experts. New York: Basic Books.
[18] Stellvertretend für viele Einsätze ein Beispiel aus Troisdorf: Kinderhilfe Harambee. Volontäre 2016. https://www.kinderhilfe-harambee.org/projekte-hilfe-fuer-behinderte-kinder-in-afrika/aktuelles-von-kh-harambee/138-volontaere-2016 (Zugriff am 19. Mai 2020).
[19] Achtung: Beitrag enthält product placement einer deutschen Schuhfirma. Allroggen, Antje. 2005. Die Zeiten der Birkenstockträger sind vorbei. Deutschlandfunk, 20. Mai 2005. https://www.deutschlandfunk.de/die-zeiten-der-birkenstocktraeger-sind-vorbei.680.de.html?dram:article_id=34945 (Zugriff am 20. Mai 2020).
[20] SES. 2019. Jahresbericht 2018: Expertenwissen des SES gefragt wie nie zuvor. Pressemitteilung, 18. Juni 2019. https://www.ses-bonn.de/aktuellespresse/pressemitteilungen?tx_news_pi1%5Bnews%5D=73&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=ebc3b102664a3fdc3203b52175ceae4e (Zugriff am 19. Mai 2020).
[21] INSEE. 2017. Statistiques et études. 13. März 2017. https://www.insee.fr/fr/statistiques/2656612#tableau-Figure2a (Zugriff am 19. Mai 2018).
[22] Walter, Ingrid. 2010. Ausländisch-deutsche Ehen – Anzeichen einer erfolgreichen Integration. Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 3/10, S. 9-10. https://www.statistik-bw.de/Service/Veroeff/Monatshefte/PDF/Beitrag10_03_03.pdf (Zugriff am 19. Mai 2020).
[23] ibidem.
[24] Maschke, Rainer. 2018. Der Untergang des Abendlandes: gefühlt ab 2015. Norderstedt: Books on Demand.
[25] Ndikumana, Léonce und James K. Boyce. 2018. Capital Flight from Africa: Updated Methodology and New Estimates. Amherst: University of Massachusetts, 1. Juni 2018. https://www.peri.umass.edu/component/k2/item/1083-capital-flight-from-africa-updated-methodology-and-new-estimates (Zugriff am 19. Mai 2020).
[26] Müller, Thomas. 2007. Kapitalflucht in die Schweiz schwächt Afrika. Moneta Zeitung für Geld und Geist, Nr. 2, S. 10. https://www.abs.ch/fileadmin/absch/45_ipaper/corporate_magazine/de/_processed/2007_Moneta_2/2007_Moneta_2/files/assets/common/downloads/publication.pdf (Zugriff am 19. Mai 2020).
[27] Vgl. zum Beispiel: Bayer, Tobias. 2015. Ausländer greifen nach Italiens Weingütern. Stuttgarter Zeitung, 13. Juni 2015. https://www.welt.de/finanzen/immobilien/article142430389/Auslaender-greifen-nach-Italiens-Weinguetern.html (Zugriff am 20. Mai 2020).
[28]Explicite bei: Kampf, Julia. 2018. Rotwein, Bademäntel, Sperma: #MeToo aus dem EU-Parlament. Tages-Anzeiger Zürich, 30. Oktober 2018. https://www.tagesanzeiger.ch/ausland/rotwein-sperma-bademaentel-metoo-aus-dem-euparlament/story/10620811 (Zugriff am 20. Mai 2020).
[29] Ludwig, Kristiania. 2018. Profil Gerd Müller. Süddeutsche Zeitung, 4. Juli 2018. https://www.sueddeutsche.de/politik/profil-gerd-mueller-1.4040053 (Zugriff am 17. Mai 2020).
[30] DER SPIEGEL. 1988. Rüpelhafter Stil. 27. Juni 1988. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13529784.html (Zugriff am 17. Mai 2020).
[31] EUROPAPARLAMENT. 2020a. Abgeordnete Europäisches Parlament. Gerd Müller. https://www.europarl.europa.eu/meps/de/1042/GERD_MULLER/history/3 (Zugriff am 18. Mai 2020).
[32] EUROPAPARLAMENT. 2020b. Abgeordnete Europäisches Parlament. Wilfried Telkämper. https://www.europarl.europa.eu/meps/de/1229/WILFRIED_TELKAMPER/history/3 (Zugriff am 18. Mai 2020).
[33] Academic. 2020.Wilfried Telkämper. https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1509718 (Zugriff am 18. Mai 2020).
[34] Weitere Informationen unter: https://www.dsclub.de/club/index.html (Zugriff am 20. Mai 2020).
[35] Vgl. auch die aktuelle Speisekarte des Restaurants auf Facebook: https://www.facebook.com/pages/Restaurant-Alt-M%C3%BCnchen-Lome-Togo/266131316763948 (Zugriff am 20. Mai 2020).
[36] CSU-Landesgruppe. 2020. Dr. Gerd Müller. Biographie. https://www.csu-landesgruppe.de/abgeordnete/dr-gerd-mueller (Zugriff am 18. Mai 2020).
[37] Vierhaus, Rudolf und Ludolf Herbst (Hrsg.). 2002. Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestags 1949-2002. Band 1. A-M, S. 582. München 2002: Saur.
[38] Deutsche Welle. 2013. Aigner: Ausbildung ist Schlüssel zum Erfolg für Afrikas Landwirtschaft. 8. Mai 2013. https://www.dw.com/de/aigner-ausbildung-ist-schl%C3%BCssel-zum-erfolg-f%C3%BCr-afrikas-landwirtschaft/a-16798491 (Zugriff am 19. Mai 2020).
[39] Proplanta. 2010. Gerd Müller: Nach der Frequenzversteigerung müssen die Anbieter jetzt zügig in schnelles Internet auf dem Land investieren. 25. Mai 2010. https://www.proplanta.de/agrar-nachrichten/agrarwirtschaft/gerd-mueller-nach-der-frequenzversteigerung-muessen-anbieter-jetzt-zuegig-in-schnelles-internet-auf-dem-land-investieren_article1274792167.html (Zugriff am 18. Mai 2020).
[40] Deutscher Bundestag. 2011. Stenografischer Bericht. 126. Sitzung. Berlin, 21. September 2011, S. 14795. http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/17/17126.pdf (Zugriff am 18. Mai 2020).
[41] Deutscher Bundestag. 2014. Stenografischer Bericht. 24. Sitzung. Berlin, 21. März 2014, S. 1892. http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/18/18024.pdf (Zugriff am 18. Mai 2020).
[42] ibidem.
[43] Abendzeitung. 2019. Afrika ist auch für Deutschland eine große Chance. 20. Februar 2019. https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.entwicklungsminister-im-az-interview-gerd-mueller-afrika-ist-auch-fuer-deutschland-eine-grosse-chance.a81542d1-61c5-481b-ba56-501f49a3fd4f.html (Zugriff am 17. Mai 2020).
[44] DIE ZEIT. 2018. Auf nach Afrika. 44/2018, 25. Oktober 2018. https://www.zeit.de/2018/44/gerd-mueller-entwicklungshilfe-afrika-investition-deutschland (Zugriff am 17. Mai 2020).
[45] Youtube. 2016. Gerd Müller (CSU) über Afrikaner: ‚Suff, Drogen, Frauen‘. 16. November 2016. https://www.youtube.com/watch?v=vlrT0g-If9g (Zugriff am 18. Mai 2020).
[46] DER SPIEGEL. 2016. Müller entschuldigt sich für rassistische Äußerung. 15. November 2016. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/minister-mueller-entschuldigt-sich-fuer-rassistische-aeusserung-a-1121363.html (Zugriff am 18. Mai 2020).
[47] BMZ. 2017. Rede von Bundesminister Gerd Müller beim Afrikatag 2017 der Europäischen Investitionsbank und des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft am 6. Juli 2017 in Berlin. https://www.bmz.de/de/presse/reden/minister_mueller/2017/juli/170706_rede_afrikatag.html (Zugriff am 17. Mai 2020).
[48] Siehe dazu: http://www.diebielefeldverschwörung.de/index.php?article_id=21 (Zugriff am 20. Mai 2020).
[49] BMZ. 2020. Entwicklungspolitik 2030: Neue Herausforderungen – neue Antworten. Pressemitteilung 24. Oktober 2018. http://www.bmz.de/de/presse/aktuelleMeldungen/2018/oktober/181024_Entwicklungspolitik-2030-Neue-Herausforderungen-neue-Antworten/index.html (Zugriff am 18. Mai 2020).
[50] Deutschlandfunk. 2020. Entwicklungshilfe-Konzept ‚BMZ 2030‘. 9. Mai 2020. https://www.deutschlandfunkkultur.de/entwicklungshilfe-konzept-bmz-2030-kampf-gegen-armut-und.1008.de.html?dram:article_id=476373 (Zugriff am 18. Mai 2020).
[51] Müller, Gerd. 2020. In diesen Tagen im Buchhandel: Umdenken. 18. Mai 2020. https://www.gerd-mueller.de/in-diesen-tagen-im-buchhandel-umdenken/ (Zugriff am 20. Mai 2020).

Bußgeld

Online-Banking aufrufen, Betrag eintippen, TAN eingeben, abschicken. Am nächsten Tag hat das Geld den Empfänger erreicht. Daran haben wir uns gewöhnt. Höchste Zeit, sich an neue Umstände anzupassen.

Am Donnerstag, 27. Dezember meldete unsere Buchhalterin den Eingang der letzten Tranche unseres Budgets 2018. Weiß der Teufel, warum das so lange gedauert hat. Unser Geldinstitut, die E-Bank, hatte zwei Wochen zuvor ihr Nummernsystem überarbeitet mit der Folge, dass die Angestellten nicht mehr in der Lage waren, über die aktuellen Salden ihrer Kunden Auskunft zu geben. Und ohne Kontoauszug keine Kohle. Zwei Tage vor Ultimo also die ersehnte Nachricht!

Wir brauchten das Geld unbedingt in diesem Haushaltsjahr. Da wir nur noch einen Scheck im Heft hatten, allein der Kontoinhaber Beträge über 7.500 Euro abheben darf und zudem das Reglement der Stiftung vorsieht, dass der Büroleiter einmal im Semester selbst die Auszüge abholen muss, machten wir uns zu dritt (die Buchhalterin I., Administrationsassistent P. und ich) auf den Weg zur Bank.

Vorbei am Sicherheitsdienst, durch eine mit ergeben wartenden Menschen gefüllte Schalterhalle und über eine Treppe, deren Beschilderung „Zutritt strengstens verboten“ offenbar nur von zartbesaiteten Seelen beherzigt wird. So gelangen wir in ein verglastes, auf arktische Temperaturen hinuntergekühltes Großraumbüro und zu unserer Ansprechpartnerin, die nach intensiver in ihrem PC unsere Kontoinformationen ausfindig machen konnte, Papier aus ihrem Schrank nahm, sich damit zum Zentralkopierer begab und die notwendigen Belege ausdruckte.

Ich unterzeichne den letzten uns verbliebenen Scheck, der unseren Kontostand auf einen symbolischen Restbetrag schrumpfen lassen sollte. Der Scheck wird drei Mal kopiert. Ich unterschreibe auf allen Kopien. Die Unterschrift wird mit der in meinem Pass verglichen; die Abweichungen vom Original erkläre ich mit dem ungewohnten Schreibgerät und der herrschenden Kälte.

Der Pass wird drei Mal kopiert. Scheckkopie und Passkopie werden zusammen kopiert. Bei einer zweiten Stelle vorsprechen. Der Scheck wird mit der Scheckkopie und Pass mit der Passkopie abgeglichen. Dann warte ich – vor mir zwölf andere geduldige Klienten – auf die Geldübergabe. Nach einer halben Stunde bin ich dran. Ein Angestellter in Nadelstreifen prüft humorlos und mit bitterer Miene alle Dokumente erneut, bis er schließlich, ergeben seufzend, aber entschieden Originale und Reproduktionen abzeichnet, mir eine letzte Quittung abnötigt und dann etwa acht Kilogramm maschinell gezählter Geldscheine (der höchste Banknotenwert ist 10.000 FCFA, etwa 15 Euro) über den Tisch wachsen lässt. 

In der Zwischenzeit ist es I. und P. trotz vereinter Anstrengungen nicht gelungen, das seit langem versprochene Scheckheft zu ergattern, auch wenn sich zwei Angestellte immer wieder, mit unterschiedlichen Formularen munitioniert, hinter eine geheimnisvolle Tür zurückziehen, um schlussendlich doch nur das vorläufige Scheitern ihrer Bemühungen zuzugeben. P. lässt sich auf den nächsten Tag vertrösten, und eine halbe Stunde später ist wenigstens die Kohle im Tresor. 

Grenzverkehr

Die Reise vom kleinen Benin ins ebenfalls kleine Nachbarland Togo ist ungefährlich, aber gelegentlich zeitintensiv, wenn man ohne diplomatische Papiere unterwegs ist. Freundliche Beamte auf der Beniner Seite kontrollieren Reisepass, Aufenthaltsberechtigung und - an einem weiteren Schalter - Führer- und Fahrzeugschein, Versicherungskarte, TÜV-Plakette und Feuerlöscher. Der Inhalt aller Dokumente wird mit gelegentlich streikenden Kugelschreibern in riesige Folianten eingetragen. Deren Spaltenbreite ist allerdings für die zu übertragenden Informationen zu gering, sodass die Angaben pro Grenzgänger nicht selten die ganze Seite füllen. Nach vollzogener Eintragung in diese Annalen der Grenzübertritte von Ausländern seit der Unabhängigkeit werden sodann mehrere Stempel in den Pass hineingedrückt, wobei die Beamten vorher immer überprüfen müssen, ob diese phänotypisch nicht zu unterscheidenden Werkzeuge der Bürokratie auf der Unterseite die Prägung  "Sortie", "Entrée" oder aber das Datum oder den Namen des unterzeichnenden Kontrolleurs tragen. Wenn das eigene Stempelkissen trotz erhöhten Drucks keine Farbe mehr abgibt, wird das des widerstrebenden Kollegen benutzt.

Auf der togolesischen Seite muss man zunächst den Eingang zu der hinter den Zollabfertigungsgebäuden gelegenen Grenzpolizeibaracke finden, seine Papiere bei einem wenig fröhlichen Beamten abgeben, gleichzeitig bei dessen bereits lauernden Kollegen etwa 15 Euro abdrücken, wofür man dann eine Gebührenmarke im gleichen Wert erhält,  die anschließend auf das bereits in den Pass tapezierte Visum geklebt wird, welches exakt die Angaben enthält, die bereits auf der ersten Seite des Passes stehen, um von einem dritten, den beiden ersten vorgesetzten Beamten nach kritischer Betrachtung der Arbeit seiner Untergebenen mit seiner Unterschrift versehen wird. Danach erhält man seinen Ausweis zurück, der von einer vierten Person - hinter einer getönten Glasscheibe nicht zu erkennen - in einen von deutschen Flughäfen bekannten Scanner geschoben und vermutlich auch digital registriert wird. 

Von da an bekommt man freies Geleit bis zur Zollkontrolle, welcher man sich - wieder im Auto sitzend – rückwärtsfahrend nähert. Nach dem Öffnen der Heckklappe nicken einem die im Schatten eines Mangobaumes sitzenden Zöllner freundlich zu. Irgendwie bleibt das positive Signal einem jungen Mann nicht verborgen, der uns sogleich den Schlagbaum öffnet. Wir sind in Togo!

Customer Care

Mein Arbeitgeber hat sich entschlossen, für die PC-Ausstattung der Auslandsbüros einheitlich Produkte eines namhaften Hardwareanbieters anzuschaffen. Dieser hat seinen Hauptsitz – der Hintergrund erschließt sich später – NICHT in den Karpaten; im Weiteren wird er als „TOLL Deutschland“ bezeichnet.
Die für den flexiblen Einsatz von Laptops hilfreichen Dockingstationen von TOLL sind in Benin nicht zu bekommen. Somit habe ich einem Anflug jugendlichen Leichtsinns die Teile bei TOLL Deutschland bestellt und während eines kurzen Aufenthalts in der Heimat erhalten, bezahlt, eingepackt und Mitte Dezember nach Benin ausgeführt. Beim Export ins Ausland wird nach der Bestätigung der Ausfuhr die bezahlte Umsatzsteuer vom Lieferanten erstattet. Die Bescheinigung unserer Botschaft erhielt ich im Handumdrehen; Anfang Januar erhielt TOLL Deutschland die Unterlagen per Post.
16. Januar: Eine Frau Alphakova („Senior Financial Services Expert“; aus Respekt vor der Europäischen Datenschutzgrundverordnung sind die Namen mit Ausnahme der jeweils letzten vier Buchstaben frei erfunden) bedankt sich per Mail für die Zusendung des Erstattungsantrags und bittet um die Zusendung einer Kopie meines Reisepasses.
16. Januar: Frau Alphakova erhält per Mail eine Kopie meines Reisepasses sowie eine Kopie meiner Aufenthaltsgenehmigung („Carte de Service“) für Benin.
22. Januar: Eine Frau Betakova („Customer Care Specialist“) bittet per Mail um weitere Informationen zur Verwendung der Ware im Ausland sowie um die Unterzeichnung eines „Letter of Assurance“, in dem ich bestätige, dass ich die gelieferte Ware niemals Terroristen, Kommunisten, Kubanern und Nordkoreanern überlassen werde. Ohne diese Zusicherung sei eine Ausfuhr nach Benin unmöglich. Außerdem bittet sie – natürlich erst nach erfolgter Ausfuhr – um die Übersendung von Ausfuhrbescheinigung und Rechnung sowie um eine Kopie meines Reisepasses.
22. Januar: Frau Betakova erhält per Mail die notwendigen Informationen, den unterschriebenen „Letter of Assurance“ und den dezenten Hinweis, dass das Produkt bereits ohne die geforderte Zusicherung nach Benin ausgeführt wurde. Ich äußere leise Zweifel, dass eine Weitergabe der Dockingstationen an Angehörige von Schurkenstaaten die Systemüberlegenheit des Kapitalismus oder die Verteidigungsfähigkeit des Westens bedrohen könnte. Darüber hinaus teile ich ihr demütig unter Hinzufügung des bereits erfolgten Mailverkehrs mit, dass die Kopie meines Reisepasses per Mail und das Original der Ausfuhrbescheinigung wie auch die Rechnung bereits per Post an TOLL Deutschland gegangen seien.
31. Januar: Frau Betakova schreibt freundlich, dass der Export nunmehr – erstaunlich schnell! -genehmigt worden sei und bittet um die Zusendung des „Letter of Assurance“, der Ausfuhrbescheinigung, der Rechnung und einer Kopie meines Reisepasses an ihre Kollegin, Frau Gammakova, ihres Zeichens „Executive Financial Services Officer“.
31. Januar: Ich schreibe Frau Betakova zurück, dass alle Dokumente TOLL Deutschland bereits vorlägen.
31. Januar: Frau Betakova bedankt sich überschwänglich für meine Nachricht („Prima, Herr Preuss!“), versichert mir allerdings auch, dass eine Erstattung der Umsatzsteuer erst nach Zusendung der geforderten Dokumente erfolgen kann. Mit der Überweisung sei nach Erfüllung aller Voraussetzungen in etwa drei Monaten zu rechnen.
31. Januar: Während einer Bahnfahrt nach Köln erreiche ich nach langer Wartezeit und dem Eintippen kryptischer Zahlenfolgen den Kundendienst von TOLL Deutschland in Frankfurt. Eine Frau Deltakova („Senior Helpdesk Specialist“) benötigt zur weiteren Verfolgung meines Anliegens die Auftragsnummer. Wer schon mal probiert hat, beim mobilen Telefonieren ein Dokument aus dem Speicher des Smartphones zu öffnen und zu lesen, ohne das Gespräch abrupt zu unterbrechen, der kann sich vorstellen, dass ich dies Begehr zurückgewiesen habe mit dem Verweis auf die Ranküne der Kundendiensthotline, die mich per Zufallsgenerator vermutlich einer anderen Mitarbeiterin, auch wenn ihr Name auf -kova enden sollte, zuteilen würde, und ich dadurch selbst bei einer Verspätung der Deutschen Bahn mein Anliegen nicht mehr werde vorbringen können. Frau Deltakova bestätigt zwar mit unverhohlener Empathie, dass ihre Kollegin Betakova im Büro neben ihr sitze. Ohne Auftragsnummer könne sie die Angelegenheit aber leider, leider nicht weiterverfolgen.
2. Februar: Ich erhalte von TOLLCARE@WeListen.TOLL.com die Aufforderung, den Kundendienst zu bewerten. Das habe ich getan.
3. Februar: Ich wende mich per Post an die Geschäftsführung von TOLL Deutschland.
6. Februar: Eine Frau Lambdakova („Senior Executive Escalation Analyst“) entschuldigt sich seitens TOLL Deutschland für die mir entstandenen Unannehmlichkeiten und sagt zu, mein Anliegen bevorzugt und schnell zu behandeln.
7. Februar: Frau Lambdakova informiert mich darüber, dass TOLL Deutschland alle erforderlichen Dokumente vorlägen und die Angelegenheit auf gutem Wege sei.
12. Februar: Frau Lambdakova schreibt, dass die Zahlung auf mein Kreditkartenkonto veranlasst worden sei.
15. Februar: Frau Lambdakova berichtet über die erfolgte Überweisung.
16. Februar: Der Betrag ist meinem Kreditkartenkonto gutgeschrieben worden. Allerdings sind es 1,99 Euro zu viel. Ich bin mal gespannt, wie das ausgeht.