The Walking Dead in Afrika

Vor einer Woche kam ich von einer kurzen Dienstreise nach Burkina Faso wieder in den Benin zurück. Der Flug – aufgrund des Risikos jihadistischer Überfälle wird der Landweg seit einem Jahr nicht mehr empfohlen – führte mich über Abidjan, dem regionalen Drehkreuz in der Elfenbeinküste. Es gab die übliche Warteschlange beim Ausgang, dieses Mal verlängert durch eine zusätzliche Kontrolle: ein einsamer Mann mit Mundschutz hielt allen Fluggästen eine Thermopistole an die Stirn, notierte das abgelesene Ergebnis und nahm die Einreisezettel entgegen, auf denen wir – wahlweise in Englisch, Französisch oder Chinesisch – angeben mussten, ob wir uns in den letzten Tagen, Wochen und Monaten in China, Südkorea oder Italien aufgehalten hatten. Trotz des Gedrängels hielten meine afrikanischen Mitreisenden gebührend Abstand zu mir und musterten mich diskret mit vorsichtigen Blicken, als gehöre ich zu den Walking Dead. Selbst eine Muslima mit Niquab, eigentlich ein perfekter Ganzkörperschutz gegen Tröpfcheninfektionen, wandte sich von mir ab. Erst als ich halblaut äußerte, ich käme aus Burkina Faso, entspannten sich die Umstehenden etwas. - Ich kann jetzt nachfühlen, wie sich ein Afrikaner zu Ebola-Zeiten in einem deutschen Bus gefühlt haben mag …

Das Corona-Virus ist in Afrika angekommen. Mehr als die Hälfte der Länder des Kontinents hat erste Infektionen gemeldet. Spitzenreiter sind Ägypten mit 150, Südafrika mit 64 und Algerien mit 54 Fällen (16. März, 18 Uhr). In der überwiegenden Mehrheit der anderen Staaten sind es bislang jeweils weniger als drei Erkrankte. Meistens sind es Reisende aus China, Europa und den Vereinigten Staaten, die das Virus mitbringen. Langsam breitet sich CoViD-19 über alle Länder Afrikas aus.

Momentan streiten sich die Fachleute, ob es sich bei der aktuellen Pandemie tatsächlich um eine Infektion handelt, die mehr Menschen in den Tod reißt als die regelmäßigen Grippewellen im Winter und die gefährlicher ist als die Schweine-Influenza, die 2009 mehr als 18.000 Opfer forderte. Afrika kann den Ausgang dieser Debatte nicht abwarten. Es ist davon auszugehen, dass sich hier zeitverzögert eine Zunahme der Zahl der Ansteckungen verzeichnen lässt. Momentan entwickeln sich die Zahlen eher dynamisch. Daraus wird sich auch – zunächst von innen und später von außen - die Forderung nach einer deutlichen Reaktion der jeweiligen Regierungen ergeben.

Genau wie derzeit in Europa wird man sich darauf konzentrieren, die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen. Eine andere Strategie steht nicht zur Disposition, denn Afrika ist weniger als andere Weltregionen auf die Behandlung der Krankheit eingerichtet. Nur etwa die Hälfte der afrikanischen Länder kann auf ein Diagnosezentrum zurückgreifen, sodass es durchaus möglich ist, dass Infektionen unbemerkt bleiben. Kenia, Nigeria und Südafrika sowie die Mittelmeeranrainer betreiben zwar funktionierende Isolierstationen und haben - im Normalfall - ausreichende Möglichkeiten zur Intensivbetreuung. Doch die bereits jetzt überlasteten Gesundheitssysteme der meisten anderen Länder sind auf einen Massenausbruch von CoViD-19 und schnell steigende Krankenzahlen, so wie es derzeit außerhalb Afrikas beobachtet wird, in keiner Weise vorbereitet. Die Todesraten auf dem Kontinent könnten daher weitaus höher sein als die in den bisherigen Statistiken ausgewiesene durchschnittliche Mortalität, auch wenn bestimmte Parameter – zum Beispiel das geringe Durchschnittsalter der Bevölkerung in den meisten afrikanischen Ländern – sich vorteilhaft auf die Überlebenswahrscheinlichkeit auswirken können.

Im Moment wird fieberhaft an der Entwicklung eines Impfstoffs zur Behandlung von CoViD-19 gearbeitet. Vielleicht steht dieser zur Verfügung, bevor die Infektionsraten in Afrika zu ihrem für Normalverteilungen typischen Höhenflug ansetzen. Doch es wäre fatal, alles auf diese Karte zu setzen. Mittelfristig auf substanzielle ausländische Hilfe durch medizinische Teams zu hoffen, dürfte eine gewagte Annahme sein. Zwar wurde unter dem Eindruck der Ebola-Seuche auf europäischer Ebene ein medizinisches Korps etabliert. Unter anderem Frankreich, Italien und Deutschland haben sich bereit erklärt, Ärzteteams in von medizinischen Notlagen betroffene Entwicklungsländer zu entsenden. Doch gerade diese drei Staaten sind derzeit selbst stark betroffen und benötigen ihre Kapazitäten zur Bewältigung der eigenen Krise. Selbst wenn Neuinfektionen in Europa nachlassen und die Zahl der Rekonvaleszenten steigt, hat sich in den nationalen Gesundheitssektoren ein Rückstau von nicht erfolgten Behandlungen gebildet, der erst einmal abgebaut werden muss.

Afrika hat daher keine andere Option als die der Prävention.

Die bisherigen Reaktionen auf die Pandemie richten sich gezielt darauf, das Virus nach Möglichkeit gar nicht erst ins Land zu lassen, denn in fast allen Fällen waren Ausländer oder Rückkehrer Träger des Virus und haben dann andere angesteckt. Afrikanische Fluggesellschaften, z.B. Royal Air Maroc oder Air Namibia, reduzieren ihre Flüge nach China und Europa oder setzen sie vorläufig aus. Einzelne Länder wie Gabun, Ghana und Kenia haben ihre Grenzen für europäische Staatsbürger dichtgemacht. In Madagaskar hat man als Ausländer die Wahl, das Land zu verlassen oder mindestens noch einen Monat zu bleiben. An den noch offenen Flughäfen müssen Ankommende Angaben über die in den letzten Wochen besuchten Länder machen. Ihre Körpertemperatur wird gemessen und notiert; zur Handdesinfektion stehen auch in islamisch geprägten Ländern Alkohollösungen bereit. Die meisten Reisenden aus den betroffenen Regionen werden aufgefordert, sich für mindestens zwei Wochen entweder im Hotel oder zu Hause in Selbstisolierung zu begeben. Kontrolliert wird dies freilich, wenn überhaupt, nur sporadisch. Der erste Fall, der in Benin registriert wurde, war ein Bürger von Burkina Faso, der sich in Belgien aufgehalten hatte, nach Cotonou weitergereist war und sich nicht an die Quarantäne-Regelung gehalten hat.

Es hat sich in den vom Corona-Virus stark betroffenen Ländern gezeigt, dass der Versuch, die Infektionsraten zu senken, nur dann erfolgreich ist, wenn sehr schnell drastische Präventionsmaßnahmen Sozialkontakte und Mobilität einschränken, wie beispielsweise die Schließung öffentlicher Einrichtungen und beliebter Zentren der Geselligkeit oder gar die zeitweise Abschottung von der Außenwelt. Teilweise gehen Länder wie Burkina Faso bereits dazu über, größere Menschenansammlungen zu verbieten. Die Gewerkschaften des Landes haben ihre Protestmärsche abgesagt. Ruanda, wie üblich dynamisch und innovativ, hat an Busbahnhöfen mobile Waschbecken installiert und fordert die Passagiere auf, sich vor dem Einstieg die Hände zu reinigen. Es wird wärmstens empfohlen, auf Händeschütteln und Umarmungen zu verzichten. Senegal feiert seinen Unabhängigkeitstag am 4. April dieses Jahr in aller Stille. Die Bischofskonferenz Benins verzichtet auf den Friedenskuss bei der Kommunion. 
Von solch umfassenden Maßnahmen sind die meisten afrikanischen Länder aktuell noch weit entfernt. Doch wenn sich, eventuell bedingt durch verbesserte Diagnosemöglichkeiten, höhere Infektionszahlen feststellen lassen, wird ein robusterer Umgang mit dem Virus wahrscheinlicher. Viele Afrikaner haben Erfahrungen mit der Ebola-Seuche, dem Marburg-Virus, dem Lassafieber und vor allem HIV/AIDS gesammelt. Dies dürfte die Bereitschaft der Bevölkerung erhöhen, temporär Begrenzungen von Handlungsspielräumen zu akzeptieren, wie es in Liberia, Sierra Leone, der Demokratischen Republik Kongo, Uganda und Nigeria der Fall war.
 
Die afrikanischen Länder haben schnell reagiert. Jetzt kommt es aber auch darauf an, die notwendigen präventiven Maßnahmen rasch, nachdrücklich und – nicht unwichtig – mit Augenmaß und ohne Panik umzusetzen, um dem Virus einen Schritt voraus zu sein statt hinterher zu hecheln. Zeitfenster für wirkungsvolle Reaktionen schließen sich schnell. 

Ich hätte eigentlich am letzten Samstag in Deutschland ankommen sollen. Aber ich habe meinen Flug storniert. Das Risiko, bei der Rückkehr nach Cotonou als kontaminierter weißer Zombie angesehen zu werden oder gar tatsächlich meine Kolleginnen und Kollegen im Büro anzustecken, war mir dann doch zu hoch. 

Und jetzt gehe ich Hände waschen.


Ware Freundschaft

Zwischen Nigeria und Benin ist ein Handelskonflikt entbrannt. Dabei stehen die persönlichen Interessen der Mächtigen im Vordergrund

Handelskriege kommen derzeit schwer in Mode. Der prominenteste - und für die Weltwirtschaft gefährlichste - spielt sich unzweifelhaft zwischen den USA und China ab. Doch die Liste protektionistisch agierender Länder wächst, auch Nachbarn geraten zunehmend in Zwist miteinander. Das ist auf dem afrikanischen Kontinent nicht anders. So hat im August Nigeria seine Außengrenzen über Nacht ohne Ankündigung für viele Waren aus dem angrenzenden Benin geschlossen.

Produzenten, Marktfrauen und Straßenhändler bleiben auf ihren Erzeugnissen sitzen. Geldwechsler, Hafenarbeiter und Lkw-Fahrer sind ohne Arbeit. Am Kontrollposten Sèmè stauen sich auf beiden Seiten des Schlagbaums mehr als siebenhundert Trucks und Sattelschlepper mit zum Teil verderblichen Gütern. Ein Ende der Blockade, die zunächst vier Wochen andauern sollte, ist nach letzten Meldungen aus Abuja, der Hauptstadt Nigerias, nicht in Sicht.

Einen Handelskrieg kann keines der beiden Länder brauchen. Benin, ein kleiner Staat mit 11 Millionen Einwohnern und einer vorwiegend agrarisch geprägten Wirtschaftsstruktur, hängt ökonomisch vom benachbarten Nigeria ab. Dieses hat nicht nur die größte Volkswirtschaft Subsahara-Afrikas, es ist mit geschätzt 200 Millionen Einwohnern auch der bevölkerungsreichste Staat des Kontinents. Offiziell gehen nur 7 Prozent der beninischen Exporte nach Nigeria. Doch entlang der 775 Kilometer langen gemeinsamen Grenze findet an etwa 100 illegalen Grenzübergängen ein intensiver informeller Warenaustausch statt, der in die offiziellen Statistiken nicht einfließt: Gemüse, Getreide, Speiseöle und Früchte aus Benin finden regen Absatz in Nigeria, Treibstoff und Industrieprodukte von dort stehen bei den westlichen Nachbarn wiederum hoch im Kurs.

Den Wirtschaftsgiganten stört seit langem, dass Benin in großem Maßstab Reis aus Südostasien sowie Gefrierfleisch und Gebrauchtwagen aus Europa, den USA und den Golfstaaten einführt und die Waren postwendend und meist illegal nach Nigeria weiterexportiert. Dessen Präsident Buhari erklärt die Grenzschließung denn auch mit den Risiken für die nationale Ernährungssicherung, insbesondere die Getreideproduktion. Da innerhalb der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) im Prinzip ein freier Warenaustausch zwischen den Mitgliedsländern vereinbart ist, ist der nigerianische Reis der billigeren „beninischen“ Konkurrenz im Wettbewerb unterlegen.

Für die beninische Volkswirtschaft und den Staatshaushalt sind erhebliche negative Auswirkungen zu befürchten. Der informelle Handel mit Nigeria trägt nach Angaben der Weltbank etwa 20 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. 15 bis 20 Prozent der Steuereinnahmen stammen aus dem Warenverkehr mit seinem Nachbarn. Bester Indikator der Krise ist der bereits um 50 bis 75 Prozent gestiegene Preis für „kpayo“, das geschmuggelte, neben der Straße vertickte Benzin. Bisher kostete es aufgrund hoher Subventionen in Nigeria nur die Hälfte des offiziellen Tarifs. Für den Personennahverkehr, der sich zu 90 Prozent aus der illegalen Quelle versorgt, bedeutet dies eine proportionale Kostensteigerung, die alle Nutzer von Autos und Motorradtaxis empfindlich trifft.

Auch nigerianische Verbraucher und Händler, vor allem in den an der Grenze gelegenen Bundesstaaten, beklagen sich über Versorgungsengpässe und Preissteigerungen und stellen den Sinn der Aktion in Frage. In der Tat erscheint es zweifelhaft, ob temporäre protektionistische Maßnahmen allein auf kurze Sicht zu einer Erhöhung des Selbstversorgungsniveaus in Nigeria führen können. In den vergangenen fünf Jahren wurde eine erhebliche Zunahme der Reisproduktion verzeichnet, die aber die Nachfrage weder quantitativ noch qualitativ befriedigt. Auch eine vollständige und permanente Überwachung der Grenze (und der Zöllner) durch zusätzliche Sicherheitskräfte erscheint langfristig kaum möglich. Dennoch wird das Vorgehen der Regierung in Nigeria grosso modo befürwortet, entfalteten doch frühere Abmachungen mit Benin wenig Wirkung.

Der ökonomische Druck zeigt erste Wirkungen bei den Beteiligten: Die beninische Regierung hat die eigenen Zollbeamten an ein zwischen den beiden Ländern im Jahr 2003 geschlossenes Abkommen erinnert, welches den Export von insgesamt 29 Produktgruppen nach Nigeria verbietet. In Kürze soll ein Treffen der beiden Präsidenten stattfinden, um nach Lösungen zu suchen. Doch die Stimmung ist vergiftet, da sowohl in Benin als auch in Nigeria politische und ökonomische Interessen eng miteinander verwoben sind.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der Nigerianer Aliko Dangote, reichster Mann Afrikas und Herrscher über ein Wirtschaftsimperium, zu dem Transport- und Zementunternehmen gehören; seit einiger Zeit ist er zunehmend im Getreidesektor engagiert. Sein Einfluss auf wirtschaftspolitische Beschlüsse der nigerianischen Regierung ist unbestritten; und es dürfte ihn maßlos verärgert haben, dass die Einfuhr seines Zements in Benin mit einer Sondersteuer belegt wurde. Er führt das auf eine Initiative des beninischen Präsidenten Patrice Talon zurück, ein ebenfalls reicher und erfolgreicher Geschäftsmann, der noch sehr gute Verbindungen zu seiner früheren Firma „Benin Control“ unterhält. Ihr wurde nach seiner Amtsübernahme die Steuerung des Importkontrollprogramms „Programme de Vérification des Importations“ übertragen.

Dieses Engagement beschert dem Unternehmen ein gutes Auskommen, da es nicht nur den Grenzverkehr, sondern auch die die Importe im Hafen von Cotonou überwacht. Dangote ist befreundet mit Sébastien Adjavon, erfolgreicher Unternehmer aus Benin - und schärfster politischer Konkurrent des aktuellen Präsidenten. Trotz eines vom Afrikanischen Gerichtshof aufgehobenen Urteils eines beninischen Gerichts musste dieser kurz nach Talons Amtsübernahme ins französische Exil fliehen, von wo aus er weiter die beninische Opposition unterstützt. Nur wenige Tage nach Beginn des Handelskriegs trafen sich Dangote und Adjavon in Paris.

Olusegun Obasanjo, Ex-Präsident Nigerias und weit über Afrika hinaus bekannt, ist seinerseits gut mit Boni Yayi, dem Vorgänger Talons, befreundet. Beide sind Yorouba; und während ihrer sich überlappenden Amtszeit hat Obasanjo seinen Kollegen Yayi nach Kräften unterstützt. Im Mai 2019, nach den gewaltsamen Protesten im Anschluss an die Parlamentswahlen im Benin, von denen die Opposition ausgeschlossen war, wurde Yayi de facto unter Hausarrest gestellt, weil die Regierung ihn als einen der Urheber der Unruhen sah. Obasanjo wandte sich daraufhin an die Führung der ECOWAS sowie seinen Nachfolger und bat diese um Intervention. Bei einem anschließenden Treffen zwischen Buhari und Talon wurde das Thema offiziell nicht angesprochen; wenige Tage später wurde jedoch die Belagerung von Yayis Domizil aufgehoben.

Obasanjo und Dangote dürften ihren Einfluss auf Buhari geltend gemacht haben, um dessen Vorbehalte gegen Talon zu verstärken. Dieser hat sich aus nigerianischer Sicht zu wenig um gute Kontakte mit dem großen Nachbarn bemüht. Mit Sorge hat die nigerianische Regierung auch die jüngste politische Entwicklung im Benin verfolgt. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Cotonou und im Norden des Landes haben Zweifel an der langfristigen Stabilität des westlichen Nachbarn geschürt. Nigeria hat an seinen Grenzen zu Kamerun und der Zentralafrikanischen Republik sowie dem jihadistischen Einfluss im Norden des Landes genug zu tun, um seine Sicherheit und Integrität zu bewahren. Eine weitere Baustelle im Westen kann man nicht brauchen.

„Wenn sich Nigeria erkältet, muss Benin niesen“, ist eine häufig benutzte Redewendung in Cotonou. Abuja scheint aber aktuell so „verschnupft“, dass Benin Gefahr läuft, eine ausgewachsene Lungenentzündung davonzutragen. Die beninische Regierung wäre also gut beraten, sich dem östlichen Nachbarn wieder anzunähern: politisch, ökonomisch - und persönlich.

Schwarzer Sprit

Der Tankanzeiger sinkt ins untere Viertel. Zeit, sich auf die Suche nach Treibstoff zu machen. Denn Vielzahl und Vielfalt der Tankstellen in Cotonou bedeuten nicht automatisch, dass man dort auch Benzin bekommt. Zuerst zur nahen staatlichen SONACOP-Station: die zwei Tankwarte dösen im Schatten der Zapfsäule. Einer öffnet die Augen halbwegs und schüttelt nur den Kopf. Weiter zu Oryx: Hier gibt es heute nur Diesel. Am Ende habe ich bei der kleinen JNP-Niederlassung Glück. Der Tank: voll; der Wochenendausflug nach Dassa gerettet!

Ich hätte es auch schneller und billiger haben können. Im ganzen Land finden sich in kurzen Abständen an Straßen- und Pistenrand Stände, die „kpayo“, aus Nigeria geschmuggelten Kraftstoff, in Gebinden unterschiedlicher Form und Größe verkaufen: Whiskyflaschen, noch mit Johnny Walker-Etikett, grüne Glasballons, die jedem Winzer zur Ehre gereichen würden, und gelbe Kanister, die vordem Speiseöl bewahrten, sind akkurat auf Holzgestellen arrangiert. Moped-, Auto- und sogar Lastwagenfahrer versorgen sich mit dem schwarz gehandelten Sprit, der – zumindest direkt an der Straße – nur die Hälfte des amtlich festgelegten Preises kostet.

Die Wanderung in den Bergen von Dassa führt uns beim Hinweg ein Stück über die rote Piste, die von der Nationalstraße 2 in Richtung Nigeria abzweigt und nach 35 Kilometern beim Flüsschen Ouémé endet. Hin und wieder kommen uns dreirädrige Motorräder mit drei oder vier großen Fässern auf der Ladefläche entgegen. „Kpayo“, erklärt unser Führer Noé. Dieses hier wird mit Booten über die Grenzgewässer geschippert und dann zu beninischen Großhändlern befördert. Der Liter kostet im Einkauf umgerechnet 30 Eurocent und wird zu 50 Eurocent an die Kunden weitergegeben. Aus der Marge, so Noé, wird der Eigentümer des Dreirads bezahlt, der Kreditgeber, der den Kauf vorfinanziert hat, der Fahrer des Motorrads, die Einzelhändler und natürlich das „Weihnachtsgeld“ für die Zöllner, die den Deal absichern. Auch die Gemeinde bekommt ihr Teil: Jeder Händler, jeder Transporteur und jeder Verkäufer bezahlt eine mehr oder weniger offizielle „Steuer“ ans Bürgermeisteramt, das - dem Vernehmen nach - daraus kommunale Aufgaben finanziert.
 

Der Schwarzhandel mit Benzin begann in den frühen 70er Jahren, als nach dem blutigen Krieg um die nigerianische Provinz Biafra die Regierung zur Erhaltung des sozialen Friedens die Treibstoffpreise massiv bezuschusste. Bei der uneingeschränkten Durchlässigkeit der Grenzen zwischen den beiden Ländern war es kein Wunder, dass der günstige Sprit auch in Benin - und Togo - auftauchte. Das Geschäft war offenbar so lukrativ, dass sich zu staatlich subventioniertem Kraftstoff auch geklauter Sprit und illegal verarbeitetes Rohöl gesellten. 

Bis zu zehn Prozent der nigerianischen Ölproduktion werden aktuell für den Schwarzhandel abgezweigt. Hunderte irregulärer Raffinerien im Nigerdelta verarbeiten gestohlenes Erdöl zu Benzin und Diesel minderer Qualität. In Benin beträgt der Anteil dieser Produkte am Treibstoffmarkt je nach Schätzung zwischen 70 und 90 Prozent. Kein Wunder, dass die Dichte des „offiziellen“ Tankstellennetzes gerade im ländlichen Bereich sehr niedrig ist und die Menschen auf die fliegenden Händler angewiesen sind, die man selbst weit abseits der Asphaltstraßen findet.

Der gigantische parallele Markt schafft auch Arbeitsplätze. Mehr als 50.000 Menschen (das sind etwa so viel, wie der öffentliche Dienst in Benin beschäftigt) finden hier informell ein Auskommen als Schiffsführer, Einzel-, Groß- und Zwischenhändler, Transporteure und Zuarbeiter. Seit 2006 gibt es gar eine offiziell registrierte „Vereinigung der Importeure, Transporteure und Verkäufer von Ölprodukten“, deren Vorstand bestrebt ist, alle Aktiven in ihre zahlende Mitgliedschaft aufzunehmen. Sanktionen drohen jenen, die sich dem entziehen und damit noch illegaler als illegal sind …

Die Schleichwege für die Ölprodukte ziehen sich an der gesamten, fast 800 Kilometer langen Staatsgrenze entlang. Die Transportmittel sind so vielfältig wie die Behälter, in denen sie zum Verkauf angeboten werden. Taxifahrer mit angeschweißten Zusatztanks und ausladenden Dachgepäckträgern expedieren nicht nur Passagiere, Hühner und Koffer von und nach Nigeria, sondern fahren auch die Schmuggelware durch den Zoll. Motorradfahrer schaffen es, vier bis fünf Kanister mit je 50 Litern Inhalt auf ihren Gefährten zu befördern. Riesige Pirogen bringen ihre brenzlige Fracht über das ausgedehnte Lagunensystem ins Nachbarland. 

Das will ich etwas genauer wissen und mache mich auf den Weg nach Sô-Ava, einer Kleinstadt am Rande des Lac Nokoué, der größten Lagune im Süden des Benin. Schon auf der schmalen Piste überhole ich einzelne motorisierte Dreiräder, die bis zur Halskrause mit akkurat gestapelten, leeren Benzinkanistern bepackt sind. Hinter der Ortschaft, in der Ferne sehe ich eine Bewegung und orientiere mich Richtung Wasser. Da: vielleicht vierzig Leute beladen vier frisch kalfaterte Boote, die, schon halb voll mit den gelben Plastikbehältern, offenbar kurz vor der Abfahrt Richtung Nigeria stehen. Als ich aussteige, hört das geschäftige Treiben abrupt auf. Vier junge und kräftige Kerle, des Englischen mächtig, bauen sich vor mir auf. „Was willst du hier? Bist du Journalist?“, fragen sie nachdrücklich. „Nein, ich bin Wissenschaftler und forsche über den informellen Sektor“, gebe ich zur Antwort. Und füge naiv hinzu: „Kann ich Bilder von den Schiffen machen?“ Das wird eindeutig abgelehnt; und eine Eskorte dieser recht unentspannten Burschen begleitet mich martialisch auf dem Weg zurück zum Auto. Augenscheinlich bin ich hier kein gern gesehener Gast …

Auf nationaler Ebene allein ist das Phänomen nicht in den Griff zu bekommen. Zwar verzichtet der beninische Staat, zum einen, auf Steuereinnahmen in nicht unbeträchtlicher Höhe. Zum anderen kann er es sich aber kaum leisten, den Verkehrsteilnehmern zusätzliche Lasten aufzubürden, die eine „Legalisierung“ zur Folge hätte. Der allergrößte Teil des öffentlichen Personennahverkehrs wird von Motorrad­­taxis, den Zémidjan, bestritten. Diese versorgen sich ausschließlich bei den Straßenhändlern. Eine Verdoppelung der Spritpreise würde die Transportkosten im gleichen Maßstab erhöhen. Der zu erwartende Protest vor allem der städtischen Bevölkerung würde fast jede Regierung in die Knie zwingen. 

Und schließlich: wer sollte die Versorgung der Bevölkerung mit Treibstoff sicherstellen? Die illegalen, über das ganze Land verstreuten Verteilstellen versorgen jeweils etwa 200 Menschen und sind quasi 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche erreichbar. Dagegen gibt es derzeit im ländlichen Raum durchschnittlich eine offizielle Tankstelle auf 30.000 Einwohner – viel zu wenig für das Land. Und wer würde die offiziösen, aber regulär gezahlten Abgaben kompensieren, die bis zu 20 Prozent des Budgets der an den Verkehrsachsen liegenden Kommunen ausmachen? Nein, das ist keine einfache Aufgabe; und es ist nachvollziehbar, dass die Polizei nicht so genau hinschaut, wenn statt der Zapfpistole der Trichter zum Einsatz kommt. Den Tankwarten sei ihre Ruhe gegönnt!