Ein Tag mit Parteifunktionären

In unserer Weltregion sind politische Parteien in aller Regel Gruppierungen, die alte schwarze Männer um sich geschart haben. Diese verdanken ihre herausragende Stellung meist einem ansehnlichen Vermögen, dessen Höhe sich nicht zweifelsfrei mit der Akkumulation von Einkommen aus unselbständiger Tätigkeit erklären lässt. Das Geld setzen sie behutsam ein, um ihre Anhänger bei Laune zu halten und die politische Landschaft zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Ideologien und Programme spielen selten eine Rolle und sind auch nicht gesetzlich gefordert, um als Partei anerkannt zu werden. Parteitage und Wahlen der Chefs durch registrierte Mitglieder sind jedoch obligatorisch, sodass diese Prozeduren in unregelmäßigen Abständen stattfinden.

Neulich war ich zu einem Parteitag der PARTEI (ich bitte Martin Sonneborn um Verzeihung: Es handelt sich nicht um diese zunehmend bekannter werdende Gruppe von Spaßrebellen aus dem deutschen politischen Spektrum, sondern um eine recht große westafrikanische Formation) eingeladen. Diese Ehre wurde mir nicht etwa deswegen zuteil, weil einem Vertreter einer politischen Stiftung sozusagen zwangsläufig eine Affinität zu solchen Veranstaltungen oder Vereinigungen unterstellt wird oder ich gar aufgefordert gewesen wäre, am Beispiel der deutschen SPD aufzuzeigen, wie man Wahlen gewinnt. Nein, ausschlaggebend für diese mir bezeugte Gunst war vermutlich die Übernahme von Schulungskosten für junge und weibliche Mitglieder der PARTEI durch die Stiftung. Eine Absage mit dem Hinweis auf eine sich bei mir in den letzten Jahren verschlimmernde Phrasenallergie war keine Option. So vertraute ich darauf, dass die während meiner Sturm- und Drangzeit in den Stahlgewittern von Bezirks-, Landes- und Bundeskonferenzen der Jusos erworbene und später in zahlreichen Berliner Politspektakeln regelmäßig erneuerte Immunisierung gegen erschöpfende Auslassungen auch in diesem Fall helfen würde, sagte zu und ging hin.

Immerhin die Hälfte der angemeldeten Funktionäre der PARTEI ist bei der Eröffnung anwesend. Die vorher von der Stiftung ausgebildeten Mitglieder sind offenbar zu jung und zu weiblich, um an derart wichtigen Versammlungen beteiligt zu werden. Unter den vierzig Personen im Saal ist immerhin eine Frau, was ein schöner Indikator dafür ist, dass jahrelange Beratung irgendwann doch einmal eine Frucht trägt. Mit einer halben Stunde Verspätung beginnt die Sitzung, weil einige der Teilnehmer nach dem im Paket inbegriffenen und der Konferenz vorgeschalteten Mittagessen dringend einen Mittagsschlaf benötigten. 

Auf dem Podium sitzen der PRÄSIDENT und ich, an beiden Seiten flankiert von den GERONTEN, verdiente Mitglieder der PARTEI. Nach unseren einleitenden Worten und der Begrüßung des im Saal anwesenden MARABOUT – einem berühmten ehemaligen Mitglied des Politbüros - werden die Namen der Funktionäre aus dem ganzen Land aufgerufen. Der Totalausfall einzelner Regionen veranlasst einige Mitglieder des Plenums zu humorvollen Zuschreibungen, mit denen man gemeinhin in Deutschland Ostfriesen oder Oberbayern charakterisieren würde. Verbunden damit sind die Bestückung und Verteilung der Konferenzmappen. Zwar standen vor dem Mittagessen nicht nur das Ankommen, sondern auch die Registrierung der Teilnehmer*:_Innen beim Tagungssekretariat auf der Agenda. Das nimmt allerdings erst dann langsam seine Arbeit auf, nachdem sich seine Dienstleistung erübrigt hat.  

Großen Anteil am Gesamtprogramm der insgesamt siebeneinhalbstündigen Veranstaltung nehmen Mittagessen (1 Stunde), Kaffeepause (eine halbe Stunde) und Abendessen (1 Stunde), das heißt etwa 33 Prozent der verfügbaren Zeit ein. Unter Berücksichtigung der tatsächlichen Inanspruchnahme der Verpflegungszeiten nähert man sich schon langsam der 50-Prozent-Marke.

Die vorgesehene Einteilung in zwei Untergruppen ist nach einer Dreiviertelstunde abgeschlossen, zu einem Zeitpunkt, als laut Tagesordnung die erste Präsentation bereits erfolgt sein und die inhaltliche Debatte begonnen haben sollte. Die orale Präsentation über Sinn und Nutzen einer stärkeren Dezentralisierung der Parteiarbeit mittels Verlagerung von Entscheidungskompetenzen an lokale Strukturen ist kurz, prägnant, befreit von lästigen Visualisierungen und von begrenztem Informationswert, zumal das Mikrofon des Referenten ständig ausfällt. Vor dem Einstieg in die Debatte macht der MARABOUT den Vorschlag, die bereits gebildeten Gruppen in zwei weitere Segmente einzuteilen, was offensichtlich weder mit dem PRÄSIDENTEN noch der anderen Gruppe abgesprochen ist. Die Umsetzung hätte das restliche Programm wohl über den Haufen geworfen und eine Verdopplung der für das Schlussplenum vorgesehenen Berichterstattung zur Folge gehabt, da die Ergebnisse am Ende vorgestellt werden sollten. Die engagierte Diskussion um die Methodik nimmt erneut zehn Minuten in Anspruch, worauf der MARABOUT mangels euphorischen Zuspruchs seinen Antrag beleidigt zurückzieht. Nichtsdestotrotz verteidigen einige seiner Adepten unbeirrt die Anregung. Stille kehrt erst ein, als der PRÄSIDENT zur Meldung von Berichterstattern auffordert. Nach einigen beherzten Appellen an das anwesende, aber etwas zagende weibliche Mitglied, die ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen, bestimmt der PRÄSIDENT zwei Freiwillige, was beim nicht betroffenen Rest der Tagung zu einer spürbaren Erleichterung führt.

In der Debatte meldet sich etwa die Hälfte der mittlerweile auf 30 Teilnehmer angewachsenen Gruppe zu Wort. Der PRÄSIDENT nimmt jeweils ausführlich Stellung zu den Beiträgen, die er als entweder hilfreich und unterstützend anerkennt oder als abwegig und ketzerisch maßregelt. Der MARABOUT wird ausdrücklich zu einem Statement aufgefordert, was er zu einer 15minütigen Grundsatzrede nutzt, in der er nicht müde wird, die Ranküne des politischen Gegners, den Gegenwind der realen Verhältnisse und die Unfähigkeit der Parteijugend zu brandmarken. Mittlerweile ist die Sitzungszeit bereits kräftig überzogen. Da aber die andere Gruppe keine Anstalten macht, ins Plenum zurückzukehren, wird fröhlich weitergemacht.

Nach weiteren 15 Minuten wird ein Papier über die Steuerung lokaler Entwicklungsprojekte nach der Methode „SIMFA“ (die Abkürzung wird auch im Papier nicht erläutert) verteilt, ohne dass ein irgendwie gearteter Zusammenhang mit der aktuell geführten Diskussion hergestellt werden könnte. Vermehrt verlassen Teilnehmer den Saal, um zu telefonieren oder sich angeregt mit den für die bevorstehende Kaffeepause eingestellten Kellnerinnen zu unterhalten. 

Wortmeldungen nimmt der PRÄSIDENT jetzt nicht mehr auf. Stattdessen beginnen die GERONTEN auf dem Podium, Anekdoten aus der Zeit vor dem Krieg oder Geschichten aus dem Nähkästchen der Hauptstadtpolitik zu erzählen. Das trägt zur Erheiterung, zumindest aber zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit des mittlerweile etwas schläfrigen Plenums bei.

Die freiwilligen Berichterstatter sind eine weitere Viertelstunde später dabei, halblaut ihren Bericht für das Gesamtplenum abzustimmen. Der PRÄSIDENT lässt noch „zwei bis drei Fragen“ zu. Fünf Fragesteller nutzen die Chance und kommentieren nacheinander das Gesagte, dabei ständig unterstreichend, dass eigentlich alles schon von ihren Vorrednern erwähnt worden sei. Dennoch nehmen die GERONTEN und der PRÄSIDENT die Gelegenheit wahr, noch einmal ihre bereits früher geäußerte Position hervorzuheben, was engagierte Zurufe aus der Teilnehmerschaft provoziert.

Die Kaffeepause setzt dem Schauspiel ein jähes Ende. Zur Vorstellung der jeweiligen Ergebnisse kommt es nicht, da die zweite Gruppe völlig dezentral und partizipativ den Beschluss gefasst hat, die schriftliche Berichterstattung reiche aus, um die erste umfassend ins Benehmen zu setzen. Damit kann sich der Zwischenmahlzeit sofort das Abendessen anschließen, was alle Kämpen angesichts der Mühen der Diskussion auch absolut verdient haben. 

PRÄSIDENT, MARABOUT und GERONTEN sind wie ich übereinstimmend der Meinung, dass diese Zusammenkunft auf jeden Fall ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gewesen ist, der eine Folgeveranstaltung zwingend erforderlich mache. Dem pflichte ich natürlich uneingeschränkt bei.

Ein Tag mit Zémidjan

Der Vorderreifen des Sattelschleppers neben mir nähert sich bedrohlich meinem exponierten linken Knie. Rechts tut sich eine winzige Lücke zwischen zwei Autos auf, in die ich mich mit einem waghalsigen Manöver hineinbugsiere. Für den Moment bin ich gerettet, wenn auch der zum Bremsen genötigte Fahrer hinter mir ärgerlich hupt und dem Nummernschild meines Motorrads mit dem Stoßfänger seines Geländewagens eine zusätzliche Prägung verschafft. Zwei Motorradtaxifahrer gesellen sich an meine Seite und sorgen mit geschicktem Lavieren für die Wiederherstellung eines ausreichenden Abstands zum Hintermann. Ich fühle mich erleichtert, unterstützt, und aufgenommen in die Welt der Zémidjan von Cotonou.

Die Zémidjan, an ihren gelben Westen unschwer zu erkennen, sind aus dem Straßenbild der Metropole Benins nicht wegzudenken. Zu Tausenden bevölkern sie die Verkehrsadern, verstopfen die zahlreichen Kreuzungen, drängeln sich an allen Ampeln vor, kurven im dichtesten Stau geschickt durch das Gewusel, sind als Geisterfahrer auf der falschen Spur unterwegs, beachten nur selten die Verkehrszeichen und tragen dazu bei, dass Benin zu den Ländern gehört, in denen die offene Verrichtung der Notdurft mangels öffentlicher Toiletten die vorherrschende Form der Erleichterung ist. 

Ihre Bezeichnung kommt aus der Lokalsprache Fon und bedeutet auf Deutsch „Nimm mich schnell mit!“. Die Zem, so die gängige Abkürzung, haben seit den 70er Jahren die Fahrradlastentaxis weitgehend abgelöst. Mit der wirtschaftlichen Krise ab 1990 wuchs ihre Zahl schnell an, und auch heute noch gilt das Metier als ein letztes Auffangbecken für junge Männer ohne jedwede berufliche Perspektive. Frauen sind in diesem Sektor extrem rar, denn sexuellen Belästigungen könnten sie sich auf dem Motorrad nur selten entziehen; und es gibt nach wie vor eine Reihe von Fahrgästen, die ihr Leben ungern einer Chauffeurin anvertrauen, wenn auch Motorradfahrerinnen mittlerweile in Benin selbstverständlich sind.
 

Über 100.000 Zem decken drei Viertel des Personennahverkehrs Cotonous ab; sie befördern ihre Fahrgäste - häufig zwei, nicht selten drei Passagiere - mitsamt Fracht und Lasten schneller und günstiger als andere Transportmittel. Händlerinnen stapeln bis zu 20 Kartons mit jeweils 30 Eiern auf den Gepäckträger und zurren zusätzlich 20 Hühner an das Gestänge. Marktfrauen, ihr Baby mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, balancieren neben zwei riesigen Plastiktaschen an jeder Seite überdies einen imposanten Korb mit Tomaten auf dem Kopf. Besonders Wagemutige bringen selbst Schaufensterscheiben oder Glasschiebetüren trotz des vermutlich beträchtlichen Luftwiderstands sicher durch das Gewusel. Eine Stadtfahrt kostet pro Kilometer umgerechnet etwa 15 Cent – das ist unschlagbar günstig!

Meine jüngste Expedition in diesen Teil des informellen Sektors war die vielleicht gefährlichste Mission in den vergangenen Monaten. Nicht etwa, dass ich mir – mit Helm, Maske und Warnweste eher mangelhaft vor den Tücken des urbanen Straßenkampfs geschützt – einen Weg durch das Gedränge bahnen musste, in ständigem Wettstreit mit aufgerüsteten SUVs, monströsen Lastern und abrupt die Fahrbahn wechselnden Pickups. Darauf war ich gefasst und hatte mich gar auf blaue Flecken und Schürfwunden eingestellt. Doch mit dem Einsatz einer Streife der ‚Police Républicaine‘, vermutlich informiert durch einen der zahlreich vertretenen und überall herumlungernden Geheimdienstspitzel, hatte ich nicht gerechnet. Die fix an den Ort des Geschehens geeilten Beamten stuften nämlich die Anwesenheit einer ‚Weißnase‘ inmitten einer Horde gelb gewandeter Zémidjan als Tatbestand unerlaubter Zusammenrottung ein, eine Straftat, für die neben der Auflösung des Auflaufs auch die sofortige Verhaftung der Rädelsführer vorgesehen ist.

In die Sorge vor der Ingewahrsamnahme mischte sich schnell die Neugier auf ein mögliches Verhör auf dem Kommissariat des Stadtteils, welches ich sodann unter der Überschrift „Ein Tag mit Ordnungshütern“ in einer kleinen Geschichte hätte verwerten können. Dazu kam es jedoch nicht – glücklicherweise, sonst wären ja diese Zeilen nicht zu Ende geführt worden. Mein Gewährsmann Henri, der mich bei den Zémidjan eingeführt hatte, konnte nämlich den Schutzmännern nach zehn Minuten intensiver Diskussion (seinen eigenen Angaben zufolge) einreden, die inkriminierte Veranstaltung diene der Sensibilisierung der anwesenden Fahrer und habe zum Ziel, sie zu einer disziplinierteren Beachtung der Straßenverkehrsordnung zu veranlassen. Die Anwesenheit eines mit den einschlägigen globalen Vorgaben vertrauten Europäers, zertifiziert durch einen weltweit geltenden internationalen Führerschein, sei dazu geeignet, die Notwendigkeit dieser erheblichen, aber alternativlosen Einschränkung fahrerischer Freiheiten auch in Benin zu untermauern und habe nichts mit der zunächst unterstellten Aufwiegelung der proletarischen Massen zum allgemeinen Volksaufstand zu tun. Auch wenn ich glaube, dass Henris Erfolg eher dem Umstand einer entfernt verwandtschaftlichen Nähe zum Chef der Brigade geschuldet war denn der Überzeugungskraft dieser selbstverständlich nicht von der Hand zu weisenden Argumente, erlaubte mir der Rückzug der Staatsmacht die erneute Hinwendung zum eigentlichen Zweck des Besuchs.

„Nein, mit der Polizei stehen wir nicht auf Kriegsfuß“, versichert Antoine, der Sprecher des Zémidjan-Parks in der Nähe des Finanzministeriums. „Parks“ sind die Orte, an denen sich eine kleinere oder größere Gruppe von Fahrern täglich zusammenfindet, meist mit Schatten oder Regendächern versehen, selten mit Waschgelegenheiten oder Toiletten ausgestattet. „Ab und zu müssen die Beamten allerdings Anweisungen des Polizeichefs oder des Präfekten ausführen, die für uns gewisse Nachteile zur Folge haben.“ Zum Beispiel habe der Stadtbürgermeister vor kurzem verordnet, dass die Zémidjan nicht mehr in der Öffentlichkeit auf ihren Motorrädern schlafen dürfen. Die Fähigkeit, sich so auf der Sitzbank zwischen Lenker und Gepäckträger zu verkeilen, dass man selbst im Tiefschlaf nicht von seinem Zweirad hinunterfällt, ist nämlich eine der wesentlichen Voraussetzungen für den Beruf als Motorradtaxifahrer. Antoine erklärt: „Dieses Verbot hat uns dazu gezwungen, ein kleines Zimmer zu mieten, wo wir nachts mit bis zu zwölf Männern dicht gedrängt schlafen. Und wir müssen einen oder zwei von uns abstellen, um die Motorräder zu bewachen. Dann müssen die nachts wach bleiben und können am nächsten Tag nicht arbeiten. Insgesamt erhöht das natürlich unsere Kosten.“
 

Diebstahl von Motorrädern kommt nach seinen Worten häufig vor, was auch erklärt, dass bewachte, kostenpflichtige Stellplätze über die ganze Stadt verteilt sind. Manchmal werden die Zémidjan ihrer fahrbaren Untersätze beraubt, wenn sie nachts Fahrgäste in eine dunkle Ecke Cotonous befördern müssen. Dort warten dann meist ein oder mehrere Komplizen des Kunden, die dem Zem ein Messer an den Hals halten und unmissverständlich die Herausgabe des Krades fordern. Für den Betroffenen ist der Verlust seines Arbeitsmittels eine existenzbedrohende Katastrophe.
 

Auguste, ein etwa 60jähriges Mitglied des Parks, schildert, wie er an sein erstes Motorrad gekommen ist: „Ein Händler hat mir eine gebrauchte koreanische Maschine überlassen. Dafür musste ich unterschreiben, dass ich 16 Monate lang jeden Samstag 10.000 FCFA (etwa 15 Euro) auf den Tisch des Besitzers lege. Das waren am Ende fast 700.000 FCFA (1.050 Euro) – für das Geld bekomme ich fast schon ein neues. Aber wer gibt einem Zem einen Kredit?“ Zehn Monate nach der Ablösung der Schuld war das Gerät endgültig hinüber, und eigentlich hätte das Spiel von vorne losgehen können. Auguste hatte Glück: Seine Frau arbeitet erfolgreich auf dem Markt für die begehrten Pagne-Stoffe, und von ihr bekam er die notwendige Barschaft für das nächste Kraftrad.

Andere trifft das Schicksal härter. Ahmed aus Djougou, einer Stadt im Nordwesten Benins, erlitt kurz vor der Abbezahlung des Motorrads einen schweren Unfall und konnte vier Wochen lang nicht arbeiten und daher auch das restliche Geld nicht bezahlen. Ungerührt vom Missgeschick seines Kreditnehmers zog der Besitzer die leicht beschädigte Maschine wegen Nichtzahlung ein. „Ich habe fünf Jahre Karren auf dem Markt geschoben, bis ich erneut als Motorradtaxifahrer anfangen konnte“, klagt Ahmed.

Was ist denn so erstrebenswert daran, bei Hitze, Staub und Regen in den Auspuffgasen der Stadt herumzufahren? „Nun“, mischt sich der junge Théo ein, „nach Abzug von Benzin und Tilgung bleiben dir 3.000 FCFA (4,50 Euro) am Tag, mit denen du deinen Lebensunterhalt bestreiten kannst. Weder als Straßenverkäufer noch als Wächter verdienst du so viel Geld. Und außerdem kommandiert dich niemand herum – auf dem Motorrad fühle ich mich oft so richtig frei!“ Auguste zügelt die Begeisterung seines jungen Kollegen: „Wir arbeiten aber auch von sechs Uhr morgens bis um acht oder neun Uhr am Abend. Und große Sprünge sind nicht möglich. Die meisten von uns sind nicht verheiratet, denn eine Familie kann man mit diesen Einkommen nur schwer ernähren.“ Fela aus Nigeria sekundiert: „Wenn du krank wirst oder einen Unfall hast, gehen alle Ersparnisse drauf. Und kaum einer von uns hat einen Notgroschen für das Alter zurückgelegt.“
 

Die mangelnde soziale Sicherung wird von den meisten als ungerecht empfunden. „Die Regierung hatte vor vier Jahren versprochen, dass es eine günstige Krankenversicherung für alle geben soll“, teilt Antoine kenntnisreich mit. „Bis heute haben wir davon noch nichts gemerkt. Und wir kriegen normalerweise alles spitz: Angestellte aus den Ministerien lassen sich von uns zu ihrem Arbeitsplatz fahren. Vor den Ampeln erzählen sie uns von allen Projekten, vor allem von denen, aus denen nichts wird.“ Er grinst über alle Backen: „Wir wissen immer als Erste, wer eine Wahl gewonnen hat, und ob da alles mit rechten Dingen zugegangen ist oder nicht.“ Auguste ergänzt die Klage seines Kollegen: „Jedes Jahr bezahlen wir eine Gebühr von 4.800 FCFA (7,20 Euro) an die Bürgermeisterämter, um unsere Registrierung zu erneuern. Keine Ahnung, wozu das Geld verwendet wird. Für uns jedenfalls nicht.“

Wie sieht’s denn mit der Konkurrenz im Taxisektor aus? „Es werden tatsächlich immer mehr Zémidjan, die in Cotonou herumfahren. Viele kommen vom Land, sind nicht in Parks organisiert, unterbieten ihre Kollegen, um das Geld für die samstägliche Rückzahlung zusammenzukratzen. Aber mit der Zeit kommen auch sie auf den Trichter, dass es besser ist, in einer Gruppe zu sein. Wir helfen uns untereinander, so gut es geht!“, meint Auguste, bedächtig den grauen Schädel bewegend. Es sei übrigens nicht allein der Preis, der für die Fahrgäste entscheidend ist. Vielmehr sind es auch die Sauberkeit von Motorrad und Fahrer, die eine große Rolle für die Wahl des Transportmittels spielen. „Den neuen Mitgliedern unseres Parks gebe ich gerne den Leitsatz ‚Hoch schätzen es die Gäste, sind sauber Sitz und Weste‘ mit auf den Weg, denn keine Kundin und kein Kunde möchte verdreckt im Büro ankommen.“ Das gelte übrigens auch für die vielen Verkäuferinnen und Marktfrauen, die sich von den Zem transportieren lassen, denn niemand kaufe Früchte und Gemüse von schmutzigen Händlerinnen.

Durch die Schließung der Grenze zu Nigeria im vergangenen Jahr wurde auch der billige geschmuggelte Sprit, ‚kpayo‘ genannt, erheblich teurer. Was hat das für die Motorradtaxifahrer bedeutet? „Nun, im ersten Moment war das natürlich ein Schock, denn wir mussten die Preiserhöhung von fast 50 Prozent an unsere Fahrgäste weitergeben. Das haben die meisten nur unwillig akzeptiert“, erzählt Théo munter. „Aber dann stieg auf einmal die Nachfrage, denn viele, die bisher mit dem Auto zur Arbeit gefahren sind, ließen ihr Fahrzeug wegen der gestiegenen Benzinpreise zu Hause und sind mit uns gefahren. Das hat es einigermaßen ausgeglichen.“ Und in der aktuellen Situation, wo die Grenze de facto wieder offen ist, aber die Preise nicht gesunken sind? Jetzt ist wieder Antoine an der Reihe: „Du darfst nicht alles glauben, was auf den Kanistern am Straßenrand steht. Die Regierung möchte, dass Auto- und Motorradfahrer ihren Treibstoff zum Preis von 505 FCFA an denjenigen Tankstellen kaufen, die eine staatliche Lizenz haben, und nicht bei den Buden mit geschmuggeltem Stoff an der Straße. Also hat die Polizei den Spritverkäufern gedroht, ihre  Stände zu zerstören, wenn sie nicht einen Betrag zwischen 450 und 500 FCFA auf die als Preisschilder dienenden Kanister schreiben. Das machen die jetzt so, aber natürlich ist der wirkliche Preis weit darunter, und damit kommen wir einigermaßen hin.“

Zum Abschluss des Besuchs drehe ich mit der gesamten Gang noch eine Ehrenrunde um den Block, die obligatorischen Gruppenfotos fürs Familienalbum eingeschlossen. Wie ich den heutigen Tag empfunden habe, möchte mein Gewährmann Henri wissen, bevor wir uns verabschieden. Ich weiß nicht so recht, was ich antworten soll. Einerseits bin ich angesichts der vielen Schicksale und der prekären Situation der Menschen, mit denen ich heute unterwegs war, tief betroffen. Anderseits habe ich Hochachtung vor der Energie und der Ausdauer, die es ihnen erlauben, ihr Leben zu meistern. Und ich bewundere ihren Humor, mit dem sie den Fährnissen des Alltags begegnen. „Bewegend“, antworte ich. Und das entspricht in jeder Hinsicht der Wahrheit. 

Ein Tag mit Reifenflickern

Sichtlich bedrückt schiebt der junge Kradfahrer seine klapperige Maschine in die kleine Freiluftwerkstatt am Rand der Straße von Ouidah nach Tori-Bossito im Süden des Benin. Das  recht ramponierte Vorderrad ist völlig platt. Coovi, ältester ‚apprenti‘ (Lehrling) und Vertreter des Betriebsinhabers, runzelt die Stirn und mustert kritisch die Ruine eines Reifens, die ihm da zur Restauration anvertraut wird, und wirft erst einmal den Kompressor an. Umsonst, denn die durch das Ventil zugeführte Luft entweicht mit lautem Zischen fast noch schneller als sie hineingeblasen wird. Also wird der marode Mantel an einer Seite von der zerbeulten Felge gelöst, um an den Schlauch heranzukommen. Besonderes Vertrauen erweckt der erste Anblick nicht. Zahllose Flicken unterschiedlicher Größe und Güte überziehen die Oberfläche und zeugen von einem wahrlich bewegten und gefährlichen Reifenleben auf steinigen Buckelpisten.

Coovi seufzt, zieht eine vermutlich vor langer Zeit mit klarem Wasser gefüllte Blechwanne zu sich heran, verbindet Luftpumpe und Ventil, taucht den Torus in die dunkle Flüssigkeit und sieht am Blubbern der trüben Brühe sofort, dass sich unter einer der bedeutsameren Sanierungen eine undichte Stelle verbergen muss. Geduldig zieht er den langen Streifen Zentimeter um Zentimeter ab und fördert endlich einen großen Riss zu Tage. Coovi nickt mir aufmunternd zu, und ich fache die Holzkohle in der kleinen Esse an, in der eine flache Eisenplatte erhitzt wird. Nachdem er die suspekte Fläche aufgeraut, das Loch mit Nadel und Faden zugenäht, den Kleber aufgebracht und ein passendes Ersatzstück aus einem alten Schlauch zugeschnitten hat, beginnt  die Prozedur, der das Gewerbe seinen (französischen) Namen verdankt: die Vulkanisierung. Das heiße Eisen wird, vom sensiblen Gummi mittels eines von einem Zementsack abgerissenen Papiers isoliert, auf die schadhafte Stelle gepresst. Erst nach dem völligen Erkalten des Metalls ist die thermoplastische Vereinigung des weichen Kautschuks vollzogen.

Bevor er den Reifen wieder in einen fahrbaren Zustand versetzt, kleidet Coovi das Innere des Mantels zusätzlich mit dem Fragment eines Autoschlauchs aus. „Das hält dann etwas länger!“, freut er sich über seine Sorgfalt. Eine Dreiviertelstunde nach der Panne ist der Kunde wieder mobil. Umgerechnet 45 Cents hat er für die Dienstleistung bezahlt.

Die  Tarife für die verschiedenen Pannenhilfen gelten landesweit; die Union Nationale des Vulcanisateurs du Bénin legt sie verbindlich fest. Die UNVB ist eine gewerkschaftsähnliche Vereinigung, in der die meisten Reifenflicker (und eine Reifenflickerin) organisiert sind. Ich denke, es ist eher so etwas wie eine Gilde oder eine Innung, denn es sind vorwiegend die Chefs der Werkstätten organisiert.
 

„Wenn wir heute eine Preiserhöhung für Reparaturen beschließen, dann wird das morgen im ganzen Land so gehandhabt“, erzählt mir selbstbewusst Comlan, der Generalsekretär der Union. Diesem Dreizentnermann mit der Statur eines Sumoringers traut man ohne Weiteres zu, den Reifen eines Airbus 380 allein zu demontieren, zu reparieren und dann wieder anzubringen – ein imposantes Vorzeigemodell seines Berufsstands! Er und seine nicht weniger kräftigen Kollegen haben heute in Ouidah ihr lokales Büro installiert und meine Anwesenheit spontan benutzt, um der Übergabe der Bestellungsurkunden für den neuen Vorstand einen feierlichen Anstrich zu verleihen. Doch nach der weihevollen Zeremonie entlässt man mich glücklicherweise rasch wieder in die gewünschte Informalität.

Romain, Besitzer des Ateliers Dieu le fera („Der HErr wird’s richten“), zeigt mir sein kleines Reich. Neben Coovi beschäftigt er drei weitere Lehrlinge, die uns wie die Orgelpfeifen neugierig umstehen. „Wie alt sind die Jungs?“, möchte ich gerne wissen. Romain grinst über alle Backen und sagt: „16, 17, 17, 18.“ Ich mustere den Kleinsten, der sicher noch keine zwölf Jahre zählt, und schaue mein Gegenüber zweifelnd an. „Das ist so vorgeschrieben“, verteidigt er sich. „Unsere Lehrlinge müssen offiziell mindestens 16 sein. Doch wer stellt einen 16jährigen als Lehrling ein?“ Er lehnt sich zurück: „Ich selbst habe mit zehn Jahren bei meinem Meister mit der Ausbildung begonnen. Was hätte ich auch sonst machen sollen? Mein Vater wollte das Schulgeld für mich nicht mehr bezahlen und meinte, ich könne mir mein Essen selber verdienen. Neun Jahre habe ich gelernt und geschuftet, bis ich mich selbstständig machen konnte. Zum Abschied bekam ich von meinem alten Chef ein paar Werkzeuge, und dann ging’s los. Meinen apprentis geht es heute nicht sehr viel anders. Schule ist für sie nicht angesagt, ihre Eltern zahlen nichts für ihr Überleben. Bei mir bekommen sie jeden Tag etwas zu essen, ob Kunden kommen oder nicht. Und lernen tun sie auch etwas.“

Ein Taxifahrer rollt einen betagten Autoreifen auf den Bürgersteig: „Da muss ein Schlauch rein!“ Zwei Lehrlinge machen sich an die Arbeit. Mit Vorschlaghämmern bearbeiten sie den bis auf die Karkasse abgefahrenen Pneu, um den Wulststreifen von Felgenhorn und -schulter zu lösen. Das ist nicht so einfach, weil Dreck und Rost mit dem Gummi eine innige Verbindung eingegangen sind. Romain muss unter Zuhülfenahme großer Eisenhebel selbst Hand anlegen, damit die eigentliche Reparatur überhaupt erfolgen kann. „Eigentlich ist die Lauffläche viel zu abgefahren, um das Teil noch einmal zu montieren“, meint er, an den Taxifahrer gewandt. Doch der schüttelt den Kopf und entgegnet: „Der tut’s noch ein paar Kilometer. Und ohne Profil verbrauche ich auch weniger Sprit.“

Romain hat immer eine Auswahl gebrauchter Reifen vorrätig, die er zum Verkauf anbietet. Das diversifiziert das Geschäft und steigert die Einnahmen, zumal die aus Europa importierten Räder billiger geworden sind. „Im Herbst letzten Jahres haben die Franzosen die Ausfuhr erleichtert. Die Dinger gelten jetzt nicht mehr als Sondermüll, sondern als wertvolle Gebrauchtgüter. Und Benin hat das wie eine Reihe anderer afrikanischer Staaten akzeptiert.“ Ist das gut oder schlecht für den Umsatz? „Mal so, mal so. Einerseits fallen weniger Reparaturen an, weil sich mehr Leute die günstigeren Reifen anschaffen, die nicht so schnell kaputtgehen. Andererseits verkaufe ich dafür mehr von ihnen. Und da die Zahl der Autos ständig steigt, läuft unser Laden ganz passabel.“

Pro Tag nimmt Romain zwischen ungerechnet 12 und 15 Euro für Reparaturen ein. Bei sechs Wochentagen kommt er im Monat auf etwas mehr als 300 Euro. Hinzu kommt der Gewinn aus dem Verkauf von Gebrauchtreifen und ein paar Flaschen geschmuggelten Benzins. „Ich komme mit meiner Familie recht gut über die Runden. Meine Kinder gehen zur Schule, außer dem Jüngsten, der keine Lust aufs Büffeln hat. Wahrscheinlich schlägt er nach mir. Nächste Woche fängt er als Lehrling bei mir an.“

Das markante Erkennungszeichen der Reifenflicker sind die gewaltigen Reifenstapel vor den Werkstätten. Vor ein paar Wochen, so erzählt Romain, hat die Polizei allerdings damit angefangen, die Haufen abzuräumen. Begründung: Zum einen verschandelten sie die Landschaft, und zum anderen könnte sich in ihrem Inneren Wasser ansammeln, welches Mücken eine ideale Brutstätte böte. Interessant. Dass die hiesige Polizei auf einmal ästhetische Attitüden an den Tag legt, halte ich angesichts von Kanistern, Bauschutt und sonstigen Trümmern, die überall am Straßenrand herumliegen, für eher unwahrscheinlich. Auch Romain scheint von den Argumenten nicht vollständig überzeugt: „Ob die Reifen vor oder hinter meiner Werkstatt lagern, ist den Mücken ziemlich egal.“ Er glaubt vielmehr, dass die Regierung vor den Präsidentschaftswahlen kein brennbares Material für Barrikaden auf der Straße liegen lassen wollte.

Er kann der Aktion sogar positive Seiten abgewinnen: „Bisher haben wir die Reifen, die auch wir nicht mehr verwenden können, für kleines Geld an die Schuhmacher abgegeben. Die haben aus den Laufflächen Sandalen hergestellt. Doch seit billige Schuhe aus China und Europa auf dem Markt sind, können sie die klobigen Treter kaum noch absetzen. So haben wir die Altreifen einfach auf den Bürgersteig gelegt. Die Polizei hat sie abtransportiert und entsorgt. Für uns ist das ein Problem weniger.“ Sagt’s und wendet sich dem nächsten Kunden zu. „Luft auffüllen? 200 Francs!“

Ein Tag mit Steinbrecherinnen


„Autsch!“ Schon zum zweiten Mal an diesem frühen Morgen hat der Hammer meinen linken Daumen getroffen, statt den direkt vor mir liegenden Granitbrocken in kleine Partikel zu zerlegen. Wobei „Hammer“ eine zu vornehme Bezeichnung wäre für das deformierte Stück Eisen, das an einem recht krummen Stiel aus rohem Astholz festgekeilt ist. Die 14jährige Sylvie, die mir ihr Werkzeug für ein paar Minuten überlassen hat, lacht mich verhalten an: „Das passiert mir auch mehrfach am Tag.“ Sie zeigt die Narben an ihren Beinen: „Viel schmerzhafter sind die herumfliegenden Steinsplitter. Das tut höllisch weh. Wenn sie die Augen treffen, kann es sein, dass ich nach Hause muss. Meine Mutter zieht dann die Teile mit einem klebrigen Saft aus dem heiligen Baum neben dem Altar unseres Eisengottes Ogún wieder heraus.“ Die umstehenden Steinbrecherinnen, die mein unbeholfenes Klopfen interessiert verfolgt haben, nicken bestätigend und zeigen die Spuren solcher Einschläge an ihren Armen, Beinen und Füßen. Keine von ihnen ist ohne größere oder kleinere Blessuren.

Ich bin im Steinbruch von Itagui bei Dassa, knapp 200 Kilometer nördlich von Cotonou. Die gebirgige Region trägt den Namen Collines, Hügel. Die meisten Erhebungen überragen als nackte Felsformationen die wellige Landschaft. Früher waren sie Refugium der autochthonen Stämme, die vor den angriffslustigen Kriegern und Amazonen des Königreichs Dahomey zurückweichen mussten. Heute befinden sich hier mehr als 40 traditionell ausgebeutete Granitminen. Bewirtschaftet werden sie vorwiegend von Menschen aus der Region, die zu wenig Land besitzen, um ihr Leben zu sichern. Da der blanke Granit für Viehhaltung und Landwirtschaft nicht rentabel nutzbar ist, gibt es keine Grundbesitzer, die Ansprüche erheben könnten. Laut Gesetz gehören die Flächen dem Staat, und der lässt die Steinbrecherinnen in Ruhe (und kümmert sich um seine Lizenzen für die wenigen industriell betriebenen Steinbrüche). Im Prinzip wäre damit der Zugang für die Nutzer kostenlos. Doch natürlich sichern sich die Kommunen ihren bescheidenen Anteil an den schmalen Erträgen, wie der zum Besuch der Ausländer entsandte Delegierte des Dorfbürgermeisters erklärt.

Steine brechen ist zu 90 Prozent Frauen- und Mädchensache. Grobe Arbeiten sind den Männern vorbehalten. Dazu gehört das „Knacken“ der tonnenschweren Monolithen, die seit Jahrtausenden hier herumliegen. Dort, wo der Fels erste Verwitterungserscheinungen zeigt, werden glühende Baumstämme aufgelegt. Binnen zwei Stunden „springt“ der Stein mit einem hellen Ton. Handgeschmiedete Eisenmeißel und plattgeklopfte Fahrzeugachsen werden in die Ritzen getrieben, bis sich der Koloss teilt. Eine schwere und keinesfalls ungefährliche Arbeit, wie mir Timothée, Sylvies Vater erklärt. „Letzte Woche sind ein paar Dörfer weiter zwei Männer unter ein großes Felsstück geraten, das sich nach dem Aufbrechen hangabwärts in Bewegung gesetzt hat. Eine Woche war Trauer und Pause angesagt, dann wurde weitergemacht. Es gibt schließlich für viele keine Alternative zum Steinbrechen, und die Kunden haben schon gewartet.“

Mit einem 15 Kilogramm schweren Vorschlaghammer bearbeitet Timothée die Bruchstücke des Blocks und zertrümmert sie in ziegelsteingroße moellons (Bruchsteine). Ich nehme mir einen mittelgroßen Klotz vor und probiere es selbst aus - und bedauere sofort, dass ich nicht schon vor zwei Wochen mein Hanteltraining intensiviert habe. Das geht nämlich ganz schön ins Kreuz und in die Arme, aber ich lasse – aufmerksam beobachtet von den Umstehenden –selbstverständlich nicht nach, bis ich das Trumm in kleinere Rudimente zerlegt habe. Mein T-Shirt klebt mir am Leib.

Die Frauen und Mädchen sammeln die Relikte ein und setzen deren Bearbeitung weiter fort. Barfuß sitzen sie auf den Felsrücken, die ihnen gleichzeitig als Amboss dienen, und wenden geschickt die immer kleiner werdenden moellons im Rhythmus des Hammerschlags. Am Ende sind es Splitt und noch kleinere „grains de riz“ (Edelsplitt), die für Straßen-, Brücken- und Hausbau verwendet werden. Auch für den Transport des Kleinschlags an die Hauptstraße sind die Frauen und Mädchen verantwortlich. Wenn eine runde Blechwanne mit etwa 30 Kilogramm Splitt gefüllt ist, wird sie von mehreren Steinbrecherinnen auf den Kopf einer ihrer Mitstreiterinnen gesetzt. Nach internationalen Vorgaben dürften Mädchen im Alter von 16 Jahren maximal 10 Kilogramm tragen ... 

Wie läuft der Absatz? „Wir sind zufrieden“, sagt Ulrich, der hier so etwas wie der „Vorarbeiter“ ist. Er hat die längste Erfahrung im Steinbruch - und ein großes Netzwerk von Großhändlern. Die kaufen das Endprodukt „tonnenweise“ auf, um es in die Städte zu bringen oder um eventuelle Lieferlücken bei den Straßenbauunternehmen zu schließen. „Eine ‚Tonne‘ ist ein Fass, das mit acht Wannen befüllt wurde, also ca. 250 Kilogramm.“ Auf einen normalen Lastwagen passen ungefähr 25 „Tonnen“. Eine ganze Menge!, staune ich. Schafft eine Familie dieses Pensum allein?

„Nein, da tun wir uns zusammen. Aber meistens sind die Abnahmemengen kleiner, sodass jeder mit seinen Kunden selbst verhandelt“, sagt Ulrich. Was kommt dabei herum? „Eine Tonne geht für 1.200 bis 1.300 FCFA [entspricht 1,80 bis 2 Euro] weg.“ Und wie viel schafft eine Steinbrecherin pro Woche? „Das sind maximal vier bis fünf Fässer“, wirft Timothée ein. Ich rechne schnell nach: 7,50 Euro für eine Woche Schinderei … 

„Die meisten von uns haben noch andere Einkünfte“, fügt Anita, Sylvies Mutter, hinzu. „Ich stelle abends Sojakäse her, der immer Abnehmer findet.“ Ihr Mann Timothée höhlt samstags und an Regentagen Holzmörser aus, die weiter südlich bis nach Bohicon verkauft werden. Anita ist froh, dass die anderen fünf Kinder, die in Dassa, Abomey und Niamey als Maurer, Schneider und Autoelektriker „ausgebildet“ werden, am Wochenende und in den Ferien aushelfen, um das Haushaltseinkommen zu erhöhen. Da sitzt dann die ganze Familie im Steinbruch und produziert „auf Halde“, damit der Vorrat nicht ausgeht und die Nachfrage der kommenden Woche bedient werden kann.

Es kann dabei vorkommen, dass – gerade an Regentagen – sich während drei bis vier Tagen kein Käufer zeigt. Oder ein Kunde zahlt nicht, was durchaus passieren kann. Da wird es dann schon mal eng, und die Bereitschaft der Steinbrecherfamilien steigt, Preisnachlässe bis zu einem Drittel zu gewähren.

Fürchten die Steinbrecherinnen nicht die Konkurrenz der modernen Steinbrüche, in denen mit Maschineneinsatz Granit in großen Mengen gebrochen und mit schweren Lastwagen zu den Straßenbauunternehmen befördert wird? Wieder meldet sich Ulrich zu Wort: „Die und wir – das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir schaffen gar nicht die Mengen, die deren Abnehmer benötigen. Unsere Kunden dagegen können mit einem großen Kipper voll Splitt nichts anfangen, wenn sie gerade mal ein Lastendreirad voll Steine für das Fundament ihres Neubaus brauchen. Und außerdem: die produzieren teurer als wir, weil sie Helme, Handschuhe und Stiefel tragen müssen!“ Nicht zuletzt sei die Nachfrage in den letzten Jahren erheblich angestiegen, weil so viele staatliche Infrastrukturprojekte zu bedienen sind. Anita ergänzt: „Gebaut wird immer! Die Städte wachsen!“

Ich wage nicht zu widersprechen. Vielleicht hat Ulrich Recht mit seiner Behauptung, dass die Nische der Steinbrecherinnen erhalten bleibt. Wird die Aufspaltung der Wirtschaft in einen traditionellen und einen modernen Bereich, die mehr oder weniger unverbunden nebeneinander existieren, noch längere Zeit andauern? Doch kann man es Timothée, Anita und Sylvie und den vielen Mädchen in den Steinbrüchen wirklich wünschen, dass auch die nächste Generation so weitermacht wie ihre Eltern?
 

Ihre eigenen, bereits „ausgeflogenen“ Kinder werden nicht nach Itagui zurückkehren, ist sich Anita sicher. Und auch Sylvie will nach dem Ende des Schulbesuchs eine Lehre als Schneiderin beginnen und sich so eine andere Perspektive als den Steinbruch eröffnen.

Das Häufchen Splitt, das ich „produziert“ habe, darf ich behalten. Ich frage Sylvie, wie viel ein neuer Hammer kostet. „3.000 FCFA [4,50 Euro].“ Ich biete ihr 2.000 FCFA für den alten an. Sie schaut fragend zu ihrer Mutter. Anita nickt und sagt: „Klar, ich lege die 1.000 FCFA drauf“, was ihre Tochter sichtlich beruhigt. Ich verabschiede mich, im Gepäck einen kleinen Steinhaufen, einen Brocken Granit und ein Stück deformiertes Eisen. 

Welch ein Reichtum!

Ein Tag mit jungen Unternehmern

Betrübt steht John vor zwei offenen und ihres Inhalts beraubten Bienenstöcken. Aufgeregt summend umschwirren Bienen unsere verschleierten Köpfe. „Vermutlich haben Leute aus dem Dorf den Honig geklaut. Das war vor der letzten Ernte genauso“, erklärt er. „Das Beste ist, heute Nachmittag die Waben aus den anderen acht Beuten zu entnehmen, denn die Räuber kommen bestimmt in der nächsten Nacht wieder.“

Etliche Kilometer sind wir an der hohen Mauer um den internationalen Flughafen Tourou entlanggefahren, der eine Autostunde von Parakou im Zentrum Benins entfernt liegt. Die 3.300 Meter lange Landebahn – knapp einen Kilometer länger als die von Cotonou – reicht selbst für Flugzeuge vom Typ Airbus 380 aus. Seit seiner Einweihung im April 2016, als mit dem Jungfernflug einer 12sitzigen Cessna Caravan von Benin Air Taxi der Regelbetrieb beginnen sollte, wird er nicht mehr genutzt. Glücklicherweise dürfen die Bauern aus den umliegenden Dörfern unentgeltlich Mais und Yams am Rand der Startbahn anbauen und ihre Produkte auf dem Beton der Piste trocknen. Die Zugangsportale stehen sperrangelweit offen, sodass auch größere Rinderherden bequem hineinspazieren können. 

Wir halten kurz hinter dem Weiler Monnon unter Kaschubäumen an. John hat hier seine Immen untergebracht, denn die Blüten der süßen Früchte, aus denen die Cashewnüsse herauswachsen, liefern Nektar für seine Völker. Insgesamt 25 Kolonien werfen insgesamt 400 Kilogramm Honig pro Jahr ab, den er neben Wachs und Propolis vermarktet. Viel ist es nicht, was nach dem Abzug der laufenden Kosten übrigbleibt. Im Gegenteil: nebenbei arbeitet er als Berater für Bienenhaltung. Dadurch hat er sich einen Namen gemacht und nimmt mit Seminaren mehr Geld ein als mit der Honigproduktion. Das steckt er zum großen Teil wieder in seinen Betrieb.

So wie er versuchen sich viele junge Beninerinnen und Beniner als Kleinunternehmer. Nach der Ausbildung findet nur die Hälfte von ihnen im öffentlichen Dienst oder bei den wenigen privaten Unternehmen eine anständige Arbeit. „Vitamin B“ ist vielleicht nicht die einzige, aber mit Sicherheit eine wichtige Voraussetzung, um einen Job zu ergattern. Vielen – ohne gute Beziehungen zu einflussreichen Menschen - bleibt so nur die Möglichkeit, zu schlechten Bedingungen und mieser Bezahlung im informellen Sektor zu arbeiten, ins (benachbarte) Ausland zu migrieren - oder eben als Unternehmerin oder Unternehmer ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. 

Das sei ein rechter Schlauch, wie mir John, Celia und Amadou – allesamt Anfang 30 und seit fünf bis sechs Jahren im Geschäft - bei einem Treffen berichten. Ich wollte wissen, was die jungen Menschen antreibt, was aus ihrer Sicht wichtige Faktoren für ihren Erfolg waren, und welche Unterstützung sie sich für ihre Arbeit wünschen. Alle drei haben sich auf die Verarbeitung von Produkten aus der Land- und Forstwirtschaft spezialisiert: John auf Honig, Celia auf Erzeugnisse aus der Frucht des Affenbrotbaums, und Amadou auf die Herstellung von Fruchtsäften aus Ananas, Ingwer, Mangos, Tamarinde, Moringa und Baobab.

Alle drei haben schon während ihrer Ausbildung festgestellt, dass viele verarbeitete Erzeugnisse aus dem Ausland kommen, obwohl es das Rohmaterial massenhaft im eigenen Land gibt, vor allem in der Region, aus der sie selber stammen. So werden fast alle Bestandteile des Affenbrotbaums in der lokalen Küche verwendet, einige sogar zu medizinischen Zwecken. Tamarinde, Ingwer und Moringa gelten mittlerweile überall auf der Welt als Geheimtipp für eine gesunde Ernährung. Und dass Bienenhonig nicht nur schmeckt, sondern auch therapeutische Wirkungen entfaltet, können einem nicht nur die immer mehr werdenden Hobbyimker erzählen, sondern ist auch wissenschaftlich erwiesen.

Wichtig war allen die Ermutigung aus dem Elternhaus, die durchaus unterschiedliche Formen annehmen konnte. Amadou sagt, dass Faulenzen in seiner Familie verpönt war, Disziplin jedoch hoch im Kurs stand. John berichtet, dass seine Eltern am Wochenende immer aufs Land gefahren sind, um auf ihrer Farm zu arbeiten. Die Kinder mussten mit; und jedes bekam ein eigenes kleines Feld und Geld für Saatgut und Dünger. Die Ernte durften sie selbst verkaufen und das Geld behalten. Celia weiß, dass sie trotz der Tatsache, dass als Kind häufig krank war, keine Sonderbehandlung erfahren hat, sondern genauso gefordert wurde wie ihre vielen Geschwister.

Das Grundkapital für ihr Unternehmen haben sich alle neben der Ausbildung selbst verdient und mit dem Geld ein bisschen herumexperimentiert.
 

So hatte John festgestellt, dass der mobile Internetzugang im 100 Kilometer entfernten Djougou mehr kostete als bei ihm zu Hause. Also verlegte er sich darauf, Freischaltungscodes in Parakou zu kaufen und die Ziffern einem Kumpel in Djougou zu übermitteln, der sie dann mit einem Aufschlag verkaufte. Die nächste Geschäftsidee war der Handel mit Medikamenten, die er in kleinere Gebinde umpackte und damit auch ärmeren Mitgliedern der Gesellschaft zugänglich machte – allerdings zu einem pro Einheit spürbar höheren Preis. So kam er in Kontakt mit Apothekern, die neben Pharmazeutika lokale Heilmittel – unter anderem Honig und Propolis – vertrieben. Nach der Teilnahme an Lehrgängen, die von einer Nichtregierungsorganisation angeboten wurden, spezialisierte er sich auf die Imkerei.

Celia hat sich nach ihren eigenen Worten in den Affenbrotbaum „verliebt“, weil alle Teile des Baobabs – Blätter, Rinde, Früchte – genutzt werden können, um Mangelernährung zu bekämpfen, die sie während ihrer Kindheit in der Nachbarschaft beobachtet hatte. Zunächst vertrieb sie Pulver aus dem Endosperm des Affenbrots, das lokal als Soßengrundstoff verwendet wird. Später kamen dann getrocknete Blätter für Tee, koffeinfreier Baobab-Kaffee und eine mit Minze angereicherte Pflegecreme hinzu. Heute arbeitet sie mit einer kleinen Equipe von fünf Leuten in zwei Räumen ihres kleinen Häuschens.

Amadou hat Kaninchen gezüchtet. Doch nach dem Auftreten von Ebola in Westafrika wollte niemand mehr Fleisch essen, das von „Wildtieren“ stammte. So verlegte er sich zunächst auf den Betrieb einer Wäscherei, weil dafür die Anfangsinvestition niedrig war. Als er per Zufall einen Kronenverkorker aus lokaler Herstellung entdeckte, war der nächste Schritt klar: er besorgte sich leere Desperados- und Heineken-Bierflaschen, presste Mangosaft, reinigte, füllte ab, verkorkte und verkaufte das Ganze an Straßenhändler. Das war der Start seiner kleinen Manufaktur, die heute 30 Angestellte beschäftigt. Eine kleine Fabrik im Neubaugebiet ist gerade fertig geworden.

Amadou, Celia und John klagen unisono darüber, dass die Nachfrage höher ist als ihr Angebot. Einerseits haben sie dadurch keine Werbungskosten; andererseits sind sie stolz auf ihre Produkte und würden gern ihr Geschäft ausweiten. Doch der Schritt zu einem höheren Ausstoß würde Kapital erfordern, welches sie nicht aus ihren Gewinnen entnehmen können. Natürlich werden Kredite angeboten, doch übersteigt deren Höhe oft ihren Bedarf. Sie sind darüber hinaus teuer: 12 Prozent pro Jahr werden derzeit verlangt. Außerdem müssten Sicherheiten beigebracht werden. Das ist riskant. Denn die existierenden Anlagegüter decken den Darlehensbetrag nicht vollständig. Zusätzlich wären auch Produktionsgebäude und -grundstücke zu verpfänden. Da sie dort wohnen, wo sie arbeiten, wäre ein Verlust auch für ihre Familien ein sicherer Absturz in die Armut. Außerdem finden sie die Prozeduren der Kreditvergabe viel zu kompliziert: Einen ausgefeilten business plan kann niemand vorlegen. Am einfachsten sind Vorfinanzierungen von Kunden, die sie gelegentlich in Anspruch nehmen, um kleinere Erweiterungen vorzunehmen.

Sie sind mit Freude Unternehmer; sie beneiden ihre Freunde nicht, selbst wenn diese einen einträglichen Job gefunden haben und ein Statussymbol wie ein Auto besitzen. Doch Familie, Freunde und Bekannte sind der Meinung, Unternehmer hätten Geld im Überfluss. Die Erwartungen an den Umfang des „Umschlags“ bei Taufen, Geburtstagen, Hochzeiten und Begräbnissen sind enorm. Und es gibt viele, die ihnen den Erfolg neiden: so wurde Celia als Hexe beschimpft, da dem Baobab auch geheimnisvolle Mächte innewohnen sollen. John berichtet über das mutwillige Abfackeln von Bienenstöcken, weil er keinen Erfolg haben sollte. Und Amadou kann das abfällige Geschwätz all der „faulen Nichtsnutze“, das ihn auf dem Weg zur Arbeit begleitet, nur schwer ertragen. Sie alle tragen sich mit dem Gedanken, in eine andere Stadt, zumindest aber in einen anderen Stadtteil umzuziehen, wo ihr soziales Umfeld ihre Arbeit weniger behindert.

Administrative Hemmnisse waren bisher kein Problem. John lacht: „Wir sind zu klein, um von der Finanzaufsicht belästigt zu werden. Und wir sind weit entfernt von der Hauptstraße – dort mussten sich die Händler bereits alle anmelden. Und das kostet!“ Aber die „Formalisierung“ rückt mit den aktuellen Reformen des beninischen Fiskus näher. John trägt sich bereits mit dem Gedanken, einen Buchhalter in Teilzeit einzustellen, damit dieser Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung erstellt. Diesen Aufwand könnte er vermutlich wegstecken. Er hat allerdings die Sorge, dass der Aufschlag der Mehrwertsteuer auf den Preis seine Kunden abschreckt und sein Gewinn geschmälert wird. Amadou will dagegen erst einmal so weitermachen wie bisher und erst reagieren, wenn er aufgefordert wird, sich offiziell zu registrieren. Celia weiß, wie das läuft: sie hat recht früh angefangen, ihr Geschäft einzutragen. Das war tagelange Rennerei, um Formulare und Zeugnisse zusammenzubekommen. Momentan versucht sie sich eher zu „deformalisieren“, um Kosten zu vermeiden.

Alle sind stolz darauf, sich aus eigener Kraft hochgearbeitet zu haben und ihren Traum zu leben. Die meisten ihrer ehemaligen Mitstudierenden hätten überhaupt keinen Plan, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen wollten, und würden so zu Opportunisten. Sie sind überzeugt, dass Leidenschaft für das eigene Geschäft sie unabhängiger macht. Der Erfolg ihres Unternehmens ist ihr Erfolg, und der zählt. John ist sich sicher: „Die Zukunft gehört uns!“ Und fährt fort: „Jetzt muss ich allerdings wieder ins Gelände, um vom Honig zu retten, was in den acht heilen Stöcken noch zu retten ist.“ Sagt’s, steigt auf sein Moped und knattert winkend davon. 

Ein Tag mit Marktfrauen

Sechs Uhr morgens. Stockfinstere Tropennacht. Mit meiner jüngsten Tochter Anne bin ich in Pahou, eine halbe Autostunde von Cotonou entfernt. Heute ist Markttag. Es herrscht geschäftiges Gewusel. Marktfrauen bauen im Dunkeln ihre Stände auf und dekorieren bei Kerzenschein ihre Auslage mit kunstvoll konstruierten Apfelsinenpyramiden, hoch gehäuften Tapiokagrieß-Gebirgen und ineinander verschlungenen Räucherfischen. Knatternde Motorräder mit schwer bepackten Fahrgästen bahnen sich laut hupend ihren Weg durch die trotz der frühen Stunde dicht gedrängten Menschenmassen. Überbreite Lastentaxis mit kantigen Kokosnüssen, sperrigen Holzstapeln und grünen Kochbananen drängen unachtsame Fußgänger an den schmalen Rand der unbefestigten Wege zwischen den Marktbuden. Halbwüchsige pousse-pousseurs zerren ihre klapprigen Karren, beladen mit prallen Maissäcken, kolossalen Tomatenmarkdosen, meterlangen Zuckerrohrstangen und wuchtigen Bierkästen, aus dem einen tiefen Schlagloch in die nächste noch tiefere Senke. Zerbeulte Minibusse aus Ghana liefern frischen Fisch – sie brauchen kein Signalhorn: Ihr Geruch eilt ihnen voraus und lässt die Menge zurückweichen.

Eulalie, die Schatzmeisterin des Marktkomitees von Pahou, führt uns über den riesigen Platz. Mehr als 2.000 Verkäuferinnen kommen an einem Handelstag zusammen. Wieso der alle fünf Tage und nicht an einem bestimmten Wochentag stattfindet, will ich wissen. Nun, die Siebentagewoche sei von den christlichen Kolonialherren eingeführt worden, die auch die lokalen Zeitlabläufe in das europäische Schema gepresst hätten. Die durch Markttage begrenzte traditionelle Woche habe immer fünf Tage betragen. Das sei auch gut so gewesen, aus verschiedenen Gründen. Denn zum einen seien die Waren angesichts begrenzter Konservierungs- und Kühlmöglichkeiten schnell dem Verderb preisgeben, was kürzere Kaufintervalle erfordere. Andererseits erlaube dies den Verkäuferinnen, die Märkte in der näheren Umgebung - meistens handelt es sich um deren vier jeweils im Westen, Osten, Norden und Süden – zusätzlich zum eigenen Standort zu bedienen.

Somit kommen die Marktfrauen in Pahou zu einem großen Teil aus dem Umland. Doch auch Großhändler vom Dantokpa in Cotonou, dem größten Markt in Westafrika, aus Nigeria und aus dem Norden des Landes tummeln sich hier, um durch einen günstigen Einkauf einen saftigen Gewinn zu erzielen. Das gibt oft Streit, denn natürlich bringt der Einzelverkauf den Verkäuferinnen eine bessere Marge als die Abgabe großer Mengen, bei der Rabatte die Regel sind. Im Vorbeigehen beobachten wir einen temperamentvollen Wortwechsel zwischen einem auswärtigen Händler und drei Marktfrauen, die ihre Palmnüsse lieber en détail an die Kunden abgeben wollen. Ich wundere mich: Wieso der Aufstand? Mit dem Handel en gros wären sie ihre Ware doch in Nullkommanix los und könnten anderen lukrativen Beschäftigungen nachgehen! Geduldig klärt mich Eulalie auf: „Es gibt keine andere Tätigkeit, die lohnenswerter wäre.“ Und außerdem müssten die Frauen in diesem Fall auf den wichtigen Austausch von Informationen über Preise, deren Entwicklung oder die Anwesenheit neuer Marktteilnehmer verzichten, der für ihre Arbeit fundamental ist. Profit pro Zeiteinheit ist also nicht das bestimmende Handlungsmotiv. Wieder etwas gelernt.

Die Stände werden vom Marktkomitee zugeteilt. Für umgerechnet 75 Euro erhält man das quasi lebenslange Recht, ein Sechstel eines der überdachten Hangars mit erhöhtem Betonboden zu nutzen. Die Holzgestelle, gleichfalls mit Wellblech abgedeckt, kosten ca. 30 Euro. An jedem Handelstag werden dann noch einmal etwa 15 Cent fällig; für die Reinigung des Marktes sind weitere 15 Cent aufzubringen. Die erfolgte Zahlung wird mit einem Ticket quittiert, welches regelmäßig von eigens angestellten Kontrolleuren überprüft wird. Das Geld bekommt die Kommune, die es wohl mitunter nicht im Sinne der Händlerinnen verwendet. Das birgt Konfliktpotenzial, denn häufig ist der Markt nicht so sauber, wie es sich die Verkäuferinnen wünschen. Und auch die Reparatur der Stände, falls das Dach undicht oder ein Holzbalken marode wird, erfolgt selten zeitgerecht. Reicht das Geld denn dafür? 2.000 Stände mal 30 Cent macht 600 Euro – vielleicht macht’s die Masse. Wenn sie richtig sauer sind, so schildert Eulalie, treten die gut organisierten Marktfrauen in einen „Ticketstreik“ und üben so Druck auf die lokalen Autoritäten aus, die Infrastrukturen zu erhalten.

Neben den „offiziellen“ Marktständen befinden sich viele Verkaufsstellen mitten auf dem Weg, am Straßenrand oder auf den 1906 installierten und 2007 aufgelassenen Gleisen der Bahnstrecke zwischen Cotonou und Parakou. Haufenweise liegen eierförmige Tomaten, rote Zwiebeln, knollige Kartoffeln, grüne Paprika, siebeneckige Okra und krause Rucola auf dem Boden, vom feinen Staub der Straße nur durch alte Getreidesäcke geschützt. „Der Markt ist zu klein geworden. Es gibt ein riesiges Angebot und genau so viel Nachfrage. Daher findet der Verkauf auch außerhalb des eigentlichen Marktes statt“, erklärt uns Eulalie.  Das mag ja jetzt in der trockenen Jahreszeit angehen, schießt es mir durch den Kopf. Aber was machen die Frauen in den beiden Regenzeiten? „Der Verkauf geht weiter. Vor dem Regen schützen sich Anbieterinnen und Angebot mithilfe von Plastikfolien, die meist nach dem Markttag kaputt sind und weggeworfen werden.“ In dieser Periode würden sich auch viele Marktfrauen erkälten. Es gebe zwar eine staatliche Initiative, die Märkte zu erneuern und zu erweitern, doch handele es sich häufig um Versprechen der Politiker in Wahlkampfzeiten, denen zu selten Taten folgten. Und wenn doch etwas geschieht, dann würde nur der status quo ante an einem anderen Ort restauriert und insgesamt zu wenig Marktfläche zur Verfügung gestellt.

Ein paar Meter weiter sitzt eine kräftige Dame vor einem gewaltigen Berg Kokosnüsse. Seit 4 Uhr morgens bringen Motorräder säckeweise Nüsse von den Kokosplantagen an der Küste. Da sie als Erste auf dem Markt war und direkt neben der vom Meer kommenden Piste einkauft, wird sie bald einen voll beladenen Kleinlaster auf den Weg in den Norden schicken. Doch das frühe Handeln birgt auch ein Risiko: Denn wenn sich im Verlauf des Handelstages herausstellen sollte, dass mehr Kokosnüsse auf den Markt gelangen als an normalen Tagen, dann hätte sie ihre Käufe vermutlich teurer bezahlt als die Konkurrenz. „Das ist mein Wagnis“, lacht sie, und erklärt, dass ihr Vorgehen bisher meistens durchaus einträglich war. Warum solle sie sonst auch so früh aufstehen?

Wir kommen zur Wäsche. Büstenhalter, Unterhosen, Nachthemden, T-Shirts, Jeans, Fußballtrikots, Jeans und Pudelmützen: Für jede Größe und jeden Geschmack ist etwas aus den Altkleidersammlungen Europas dabei. Die gebrauchten Klamotten kommen containerweise im Hafen von Cotonou an und finden schnell den Weg auf die Märkte des Landes. Denken die Beniner nicht, dass dies negative Auswirkungen auf das heimische Handwerk und den lokalen Stoffhandel haben könnte? Eulalie sagt, dies sei eine rein intellektuelle Diskussion, die weder die Verkäuferinnen noch die meist armen Kunden interessiere: Erstere seien zufrieden, dass sie mit etwas handeln und ein paar Cents verdienen könnten; Letztere wären froh, sich zu annehmbaren Preisen einkleiden zu können. Und eine Politik der Einfuhrrestriktionen, wie sie beispielsweise Rwanda und Äthiopien praktizierten, sei in Benin nicht denkbar, denn es gebe wichtige Personen mit guten Verbindungen in die Politik, die an der Einfuhr nicht schlecht verdienten.

Ein Gespräch mit dem Marktkomitee beendet unsere gut vierstündige Runde. Ich möchte in Erfahrung bringen, welchen Einfluss externe Schocks wie beispielsweise die Sperrung der Grenzen zwischen Nigeria und Benin oder die Corona-Pandemie auf das Marktgeschehen gehabt haben. Marie-Josée, die Präsidentin des Komitees, nickt und erklärt, dass beide Geschehnisse unterschiedliche Auswirkungen auf den Markt in Pahou gehabt hätten. Die Effekte von Corona seien nur anfangs problematisch gewesen, weil die Märkte nach kurzer Schließung schnell wieder geöffnet waren. Aber als die Grenzen zu Nigeria dichtgemacht wurden, habe das zu höheren Transaktionskosten geführt, weil die Waren statt über die Straße nun nachts mit dem Boot über die Lagune gebracht worden wären. Und die Nachfrage nach Ananas und Tapiokagrieß sei völlig eingebrochen. Für viele Frauen seien das schwierige Zeiten gewesen und seien es immer noch: Etliche von ihnen mussten sich bei Geldverleihern verschulden. Und das führe dazu, dass sie jetzt selbst nach der mehr oder weniger offiziellen Grenzöffnung nicht mehr auf den Markt kämen, um ihren Kreditgebern nicht begegnen zu müssen. Aber sie seien es schon immer gewohnt gewesen, sich nach der Decke zu strecken – man schnallt dann halt den Gürtel enger, auch wenn es wehtut.

Für den Rückweg bekommen wir noch ein paar schrecklich süße Karamellbonbons mit. Wir versichern wiederzukommen, um uns erneut in den Trubel zu stürzen. Aber nächstes Mal mit leeren Körben, die wir dann mit Produkten vom Markt in Pahou füllen werden. Versprochen!

Friedrich Eberts Führungszeugnis.

Über die Be- und Entschleunigung von Verwaltungsabläufen in Benin

Arme Entwicklungsländer sind ein Eldorado für nichtstaatliche Organisationen der westlichen Welt und die oft von ihnen völlig abhängigen Partner vor Ort. Aberhunderte kleine und kleinste Initiativen betreiben Ökofarmen, kümmern sich um Kinder mit und ohne Eltern und Eltern mit und ohne Kinder, vermitteln Patenschaften zwischen Nord und Süd und Groß und Klein, bauen Schulen und Krankenstationen, retten Schildkröten vor dem Ertrinken, veranstalten kulturelle Events und beobachten Wahlen, um eine nur unvollständige Auswahl ihrer Aktivitäten ohne Anspruch auf Repräsentativität zu nennen.

In aller Regel bekommen die jeweiligen Regierungen - bisweilen sogar die so genannten "Zielgruppen" der Maßnahmen - gar nicht mit, wer sich da alles im Land tummelt. Selten gibt es ein aktuelles und öffentliches Verzeichnis. Doch fast immer genießen ausländische und nationale Assoziationen, Vereine und Stiftungen Privilegien wie die Befreiung von Grenz- und Steuerabgaben etc. Es ist daher verständlich, wenn in vielen Ländern zunehmend gefordert wird, dass diese Vereinigungen sich registrieren und über ihr segensreiches Wirken öffentlich Rechenschaft ablegen sollen. 

Mein Verein arbeitet seit 1993 in Benin. Unsere Tätigkeit stützt sich auf ein Rahmenabkommen aus dieser Zeit, das aus erfreulich wenigen Seiten besteht. Es wird immer dann herangezogen, wenn zum Beispiel Autos, Generatoren oder Computer zoll- und gebührenfrei beschafft werden. Vor gut anderthalb Jahren verfügte die Regierung, dass alle ausländischen nichtstaatlichen Organisationen, deren Vertrag älter als fünf Jahre ist, eine neue Übereinkunft vereinbaren müssen. 

Die Frist dafür war acht Monate vor meiner Ankunft in Cotonou abgelaufen. An meinen Vorgängern ist die Weisung offensichtlich abgeprallt, sodass diese ruhmreiche und ehrenvolle Mission mir zuteilwurde. Da nicht nur der Verlust unserer Privilegien, sondern auch die Schließung des Büros, die Stilllegung von Autos und die Aufhebung der Immunität des Repräsentanten (also mir) drohten, stellte ich mich flugs dem für Rechtsangelegenheiten verantwortlichen Direktor des Außenministeriums vor, bat um Nachsicht für das unverzeihliche Versäumnis und um Aufschub der drohenden Sanktionen. Ich schwor beim Spitzbart Friedrich Eberts, den Genehmigungsprozess unverzüglich anzustoßen und einem baldigen Ende zuzuführen. Wenigstens war das mein Plan, den ich heroisch mit unserem immer geschäftigen Transitaire umzusetzen gedachte.

Transitaires – die „deutsche“ Übersetzung „Spediteur“ meint im ursprünglich lateinischen Wortsinn „Beschleuniger“ - sind Geschäftsleute, die über ein großes Netzwerk von Menschen innerhalb solcher Behörden verfügen, die Genehmigungen erteilen. Dazu gehören Steuerbefreiungen, Fahrzeugzulassungen, Importerlaubnisse und dergleichen mehr. Dieser Dokumente wird nur habhaft, wer die komplexen Verwaltungsprozesse beherrscht, die sich in unregelmäßigen Abständen ändern, und die nirgendwo schriftlich dokumentiert sind. Daher kennen sich die meisten Bürgerinnen und Bürger, häufig leider auch die Mitarbeitenden in den Ämtern, mit den jeweils gültigen Verfahren nicht aus. 

Da steht ein Beschleuniger mit Rat und Tat zur Seite und hilft in selbst ausweglos erscheinenden Situationen. Selbstverständlich muss er für seine unschätzbaren Dienste eine pekuniäre Gegenleistung verlangen. Nur oberflächlich betrachtet erscheint das teuer. Unter dem Strich betrachtet wird der Obolus aber akzeptabel, wenn man einerseits den Aufwand für die Erhaltung der Gewogenheit der Administration und andererseits die möglichen Kosten eines rechtlosen Zustands berücksichtigt. Und: sein großer Vorteil ist, dass er Compliance-Kriterien (d.h. regulatorischen und ethisch-moralischen Standards) nicht unterworfen ist und seinen Kunden abrechnungsfähige Belege über nicht vorgesehene Leistungen der Bürokratie, wie zum Beispiel „Kosten der Dokumentenöffnung“, „Aktenaufbewahrung“ etc. ausstellt.

Innen- und Außenministerium, die maßgeblichen Autoritäten für die Reform unseres Abkommens, machten unterschiedliche Vorgaben für die einzureichenden Unterlagen. Zusammengenommen mussten wir liefern: i) vier Satzungen, ii) vier Gründungsakte, iii) Protokoll der Vollversammlung der Stiftung, auf der über die Einrichtung einer Niederlassung in Benin entschieden wurde, iv) polizeiliche Führungszeugnisse von drei leitenden Vorstandsmitgliedern, v) polizeiliches Führungszeugnis des Vertreters vor Ort, vi) die Eintragung ins Vereinsregister, vii) Jahresberichte der Aktivitäten der Stiftung in den letzten beiden Jahren vor der Antragstellung, viii) Finanzberichte für den gleichen Zeitraum, die von einem in Benin zertifizierten Prüfer abgenommen waren, ix) das vom Vorsitzenden der Stiftung ausgestellte uneingeschränkte Mandat für den Repräsentanten, x) ein Blatt mit den Anschriften der Stiftung in Deutschland und in Benin, xi) vier spezielle, mit Riemen versehene Mappen zur Aufbewahrung der Unterlagen, xii) der Einzahlungsbeleg über die Zahlung von umgerechnet 150 Euro für die mit der Prüfung des Dossiers verbundenen Aufwendungen.

Fröhlich machte ich mich ans Werk. Doch der Teufel steckte in Details, die an keiner Stelle erwähnt wurden. So ist es ist sicher verständlich, dass die Beniner französische Übersetzungen aller Dokumente benötigten. Einige lagen sogar in Französisch vor – aber was wäre, wenn die Übersetzer der Stiftung Fehler gemacht hatten? Bei Ausländern muss man vorsichtig sein. Also wurden die – zum Teil notariell beglaubigten, zum Teil sogar vermittels einer Apostille des Berliner Landgerichtspräsidenten „überbeglaubigten“ Übersetzungen kostenpflichtig von beninischen Sprachkundigen überprüft: Tarif A galt für einen etwa drei Wochen währenden Vorgang im beninischen Außenministerium, der höhere Tarif B galt für die Erledigung des Procedere in drei Tagen durch die gleichen Sachverständigen, allerdings außerhalb des Ministeriums. 

Die Struktur der Jahresberichte des Büros deckte sich nicht mit den Vorstellungen der Behörden und musste redaktionell von entsprechend geschulten Mitarbeitern überarbeitet werden, was selbstverständlich auch nicht umsonst zu haben war. Die Finanzberichte, nach den Regeln des deutschen Zuwendungsrechts erstellt, fanden genauso wenig das Gefallen der Offiziellen. Deshalb schrieb ein bei den Ministerien zertifizierter Wirtschaftsprüfer kopfschüttelnd alles um und bescheinigte uns zusätzlich und gebührenpflichtig ein verantwortungsvolles Finanzmanagement. 

Nach sechs Monaten hatten wir also mit einigem Hin und Her die Unterlagen zusammen, bündelten sie mit Hilfe der mit Riemen ausgestatteten Mappen, zahlten die Gebühren ein und baten um die huldvolle Bewilligung unseres Anliegens. Nachsichtig wies der Beschleuniger darauf hin, dass gemäß der nicht öffentlichen Geschäftsordnung der Ministerien zwei Monate Wartezeit üblich seien. Da sich dies mit meinem Jahresurlaub überschnitt, hatte ich erst einmal keine Einwände.

Nach dem Sommer machte ich mich mit frischem Mut an die weitere Verfolgung unseres Anliegens. Wieder und wieder wurde ich auf die jeweils folgende Woche vertröstet, bis ich in einem Anfall von Ungeduld zwei Briefe an die jeweiligen Minister verfasste, um auf eine gewisse Trägheit in ihren Häusern hinzuweisen. Allein die Drohung, das Schreiben tatsächlich an die Führungsebene weiterzugeben, veranlasste einen höheren Beamten des Innenministeriums zu der etwas gereizten Aussage, dies sei keine gute Idee, denn dann würde man erst prüfen müssen, wer für die Verzögerungen verantwortlich sei, was zum einen erfahrungsgemäß ein hoffnungsloses Unterfangen sei, zum anderen aber zusätzliche Zeit in Anspruch nehmen würde. Außerdem seien in der zwischenzeitlich geänderten, nach wie vor nicht veröffentlichten Geschäftsordnung mittlerweile drei und nicht zwei Monate für die Bearbeitung voluminöser Anträge vorgesehen.

Nur wenige Wochen später bekamen wir eine Liste mit angeblich noch fehlenden Dokumenten. Was mich als enthusiastischen IT-Fan begeisterte, war die Bitte um die Satzung in digitaler Form, natürlich in vierfacher Ausfertigung auf einem USB-Stick (mit einem Trick geht das auch). Zwar lag diese ja bereits in beglaubigter und überbeglaubigter Form in vier Sprachen vor, aber ich wollte der Verwaltung auf ihrem Weg in eine papierlose Zukunft keineswegs im Weg stehen. Angesichts der hiesigen Download-Geschwindigkeiten wäre es auch eine Zumutung gewesen, auf die im Internet frei verfügbare Satzung hinzuweisen.

Höchste Zeit also, um dem Innenministerium einen Besuch abzustatten. Nachdem eine Sekretärin die verschlossene Tür des für uns zuständigen Referates entriegeln konnte, ihre hinter dem Schreibtisch eingeschlummerte Chefin jäh erwacht war und ich in den staubigen Papierstapeln auf den massiven Pulten „unser“ Dossier ausfindig gemacht hatte, entdeckte ich auch die vermeintlich fehlenden Unterlagen, gut versteckt in den Tiefen der Mappe. Fast. Denn triumphierend beschied uns die ausgeschlafene Leiterin des Büros, sie vermisse immer noch schmerzlich das polizeiliche Führungszeugnis Friedrich Eberts. Und ohne dies könne sie unsere Akte auf gar keinen Fall weiterleiten. Meinen Einwand, dass der Namenspatron unserer Stiftung bedauerlicherweise schon vor fast hundert Jahren in die ewigen Jagdgründe der Sozialdemokratie heimgegangen sei und in Deutschland keine Führungszeugnisse für Verblichene ausgestellt werden, nahm sie ungläubig zur Kenntnis, musste sich aber schließlich dem Unabweisbaren fügen. Allerdings gebe es eine weitere Hürde.

Sie müsse nunmehr – mit den bescheidenen personellen und sachlichen Ressourcen ihres überarbeiteten Referates – das Außenministerium bitten, die beninische Botschaft in Berlin anzuweisen, dortselbst Erkundigungen über unseren Verein einzuholen und im Gegenzug der Regierung mitzuteilen, dass die Stiftung a) existiert, b) nur gute Dinge tut und c) alles vermeidet, was dem Ansehen der Republik Benin in Deutschland, Europa, der Welt und dem Universum schaden könnte. Vom Beschleuniger kam der fürsorgliche Hinweis, die Schleife über die Botschaft dauere mindestens acht Wochen. Allerdings könne man den vermutlich wenig erkenntnisreichen Umweg vermeiden, wenn … was ich – ansonsten unkonventionellen Methoden zur Optimierung bürokratischer Abläufe nicht abgeneigt – abgelehnt habe. 

Stattdessen bin ich ins Außenministerium gestiefelt und habe mich über die Verwaltung beschwert, was mir – wie ich hinterher erfahren habe – den Zorn einiger Mitarbeiter eingetragen, aber die Angelegenheit ungeheuer befördert hat, weil mir der neue und agile Justizdirektor an die Seite gestellt wurde. Das Erfordernis der Einschaltung der beninischen Botschaft erwies sich denn als Kopfgeburt der Behörde zur Bestrafung renitenter Applikanten. Doch es stellte sich auch heraus, dass unsere Berichte des Vorjahres durch die Zeitläufte mittlerweile zu denen des Vorvorjahres geworden waren und dringend durch aktuelle Schriftstücke ersetzt werden mussten, aber solche Routinen hatten wir mittlerweile locker drauf. Nachdem der Innenminister unsere Akte nach dem Gang durch die internen Instanzen seines Hauses abgezeichnet hatte, durften wir sie persönlich nach Porto Novo, dem Ausgabeort des beninischen Gesetzblatts bringen.

Dort wurde uns erklärt, dass es wegen des ungebrochenen Reformeifers der Regierung und immer neuer Gesetze und Verordnungen momentan einen „Papierstau“ gebe, den man jedoch schnellstmöglich abarbeiten werde. Nach immerhin drei Wochen wurde unsere Registrierung dann tatsächlich in der Rubrik „Vermischte Informationen“ zwischen einer vom Großprobst des „Ordens der Kameraden des Beaujolais“ unterschriebenen Erklärung und der offiziellen Anmeldung der Vereinigung „Liebe und Leben“ publiziert.

Bewaffnet mit dem kostbaren Schriftstück und einer Kopie der Anmeldebestätigung konnte ich tags darauf wieder ins Außenministerium pilgern, um die nächste Phase der Erneuerung unseres Rahmenabkommens vorzubereiten: Die hochnotpeinliche Prüfung unseres Büros durch – nein, nicht die Heilige Inquisition – ein interministerielles Komitee, bestehend aus sechs Mitgliedern aus sechs Ministerien. Die Armen mussten sich nicht nur interdisziplinär durch unser dickes Dossier arbeiten, sondern unserem Büro auch persönlich einen Besuch abstatten, und dies möglichst im Vollbetrieb, was unter Corona-Bedingungen natürlich eine gewisse Herausforderung darstellte. Mit großem Verständnis für den Ernst der Lage wurde die Besuchsdauer von gewöhnlich drei Tagen auf vier Stunden reduziert, freilich unter Beibehaltung der ursprünglich vorgesehenen Tagegelder und Reisekosten für die Auguren. Die Prüfung – so wurde mir eine Woche später mitgeteilt – fiel zu unseren Gunsten aus, sodass man das Abkommen ausstellen könne. Nur 18 Monate nach meinem ersten Aufschlag! Da soll noch einer sagen, die Administration hier sei langsam.

Der Prozess hat erneut gezeigt, wie wichtig die Arbeit der Stiftung für den Benin ist, denn sonst hätte man vermutlich nicht so viel Arbeit und Zeit investiert. Mehrwertsteuer und Zollgebühren: ade! Grünes Kennzeichen und Immunität: willkommen! Eldorado Benin: Hier sind wir! Wir fühlen uns gewünscht, anerkannt, ja: geliebt! Eigentlich ist es schade, dass wir noch drei Jahre warten müssen, bis die nächste Auffrischung ansteht, wo wir doch wirklich lange genug geübt haben!

 

Milchmädchenrechnungen

„Da von dem Kopf, oh je, oh je,

Fiel ihr der Topf, oh weh, oh weh,

Und ging am Boden rasch in Stücke.

Mit sehr betrübtem Blicke

Beschaut sie ihr verschüttet‘ Glück.“

In der hier auszugsweise zitierten Fabel „Das Milchmädchen und der Milchtopf“ erzählt der französische Poet Jean de la Fontaine (1621-1695) von dem Bauernmädchen Perrette, das am frühen Morgen mit dem Milchtopf auf dem Haupt in die Stadt geht, um Milch zu verkaufen. Unterwegs malt sie sich aus, was sie mit dem Erlös alles anstellen könnte: Hühner kaufen, dann deren Eier verkaufen, davon ein Schwein, später eine Kuh anschaffen und schließlich einen ganzen Bauernhof. Vor lauter Begeisterung über ihren Business Plan gerät sie ins Stolpern, und mit der Milch verrinnt auch die schöne Illusion.

„Milchmädchenrechnung“ nennt man daher einen Wunschtraum, der auf falschen Annahmen und Berechnungen beruht. Der Begriff ist mir spontan eingefallen, als ich gestern die Regierungszeitung La Nation aufschlug und erfahren musste, wie sich angeblich die wirtschaftliche Situation der Menschen in „meinem“ Land schlagartig verbessert hat. Das beninische Finanzministerium habe nämlich eine in diesen traurigen Corona-Zeiten wahrlich beglückende Botschaft verkündet: Am 1. Juli sei Benin, zum ersten Mal in der Geschichte des Landes, von der Weltbank in die Gruppe der „Mitteleinkommensländer“ aufgenommen worden. 

Natürlich sei diese rosige Entwicklung den ökonomischen Initiativen der gegenwärtigen Regierung zu verdanken, die es geschafft habe, innerhalb nur eines Jahres das Jahreseinkommen des Durchschnittsbeniners von umgerechnet 870 US$ auf 1.250 US$ anzuheben, also um schlappe 44 Prozent! La Nation jubelte: „Der Statuswechsel des Benin ist einmal mehr die Krönung der zahlreichen Reformen, die von der Regierung von Präsident Patrice Talon initiiert und umgesetzt wurden.“

Ein Blick auf die Website der Weltbank bestätigt die Information. Allerdings findet sich dort ein kleiner Hinweis, dass für die neue Einstufung Benins die jüngste Revision der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung eine wichtige Rolle gespielt habe. Weitere Erläuterungen erfolgen nicht. Aha. Makroökonomie, erstes Semester Grundstudium. Statistik. Schwere Kost also. 

Ich will diesen Beitrag nicht über Gebühr belasten. Doch so viel Theorie muss sein: von Zeit zu Zeit muss die Basis der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts revidiert werden, weil sich die ökonomischen Rahmenbedingungen verändert haben. So verschwinden zum Beispiel Branchen, oder sie verlieren an Bedeutung, wieder andere kommen neu hinzu. Gerade in Ländern mit einer großen informellen Wirtschaft, die in den meisten afrikanischen Staaten dominiert, verschieben sich die Beiträge einzelner Sektoren zum Sozialprodukt dynamisch. Auch Inflation und andere Parameter müssen für die Berechnung neu berücksichtigt werden.

Die Weltbank empfiehlt zur Vermeidung von Sprüngen in der Statistik, die neue Basis auch für die Darstellung der Vorjahre anzuwenden, um eine auf der gleichen Grundlage basierende Zeitreihe zu ermöglichen. Genau dies hat Benin bei seiner jüngsten Darstellung nicht getan. Das heißt: für das Jahr 2018 wurde mit den alten Bezugsgrößen gerechnet, für das Jahr 2019 mit der neuen Basis – sozusagen ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. 

Ein in die Vereinigten Staaten ausgewanderter beninischer Nationalökonom hat die Zahlen für letzten zurückliegenden Perioden mit den neuen Werten nachgerechnet und kommt zu einem völlig anderen Ergebnis als die Regierung: nach seiner Kalkulation lag bereits 2014 das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Benin bei 1.270 US$, das heißt 20 US$ höher als im Jahr 2019. Statt einer fulminanten Verbesserung ist also eine geringe reale Verschlechterung der durchschnittlichen Einkommenshöhe festzustellen. Das Gegenteil dessen, was behauptet wird.

Ein Wert wie das durchschnittliche Einkommen sagt freilich wenig über die Situation der Bevölkerung aus, wenn man die Einkommensverteilung nicht in Betracht zieht. Und da sieht es in Benin düster aus: Der für die Messung der Einkommensungleichheit maßgebliche Gini-Koeffizient beträgt für Benin 47,8 (2015), einer der miserabelsten auf dem afrikanischen Kontinent. Schlimmer noch: er hat sich innerhalb der letzten 30 Jahre immer weiter verschlechtert. Für Deutschland betrug dieser Wert übrigens 31,1 (2018), was in etwa dem EU-Durchschnitt entspricht. Ein Kommentator drückte es so aus: „Die Regierung schreitet voran, das Volk bleibt zurück.“ Auf jeden Fall ist es geschickte Propaganda.

Ein bisher in der Diskussion nicht aufgetauchter Nebeneffekt, aber für die Politik der Regierung extrem wichtig ist die Tatsache, dass der Internationale Währungsfonds das Nationaleinkommen verwendet, um die Staatsschuldenquote zu berechnen. Es ist auch ohne größere mathematische Kenntnisse leicht nachzuvollziehen, dass sich ein höherer Nenner (das Nationaleinkommen) positiv auf den Grad der Verschuldung auswirkt, weil die Kredite (der Zähler) durch einen größeren Betrag geteilt werden. Benin, welches in den letzten Jahren vermehrt Kredite auf privaten Geldmärkten aufgenommen hat, bleibt dadurch unterhalb der von der für die westafrikanische Währungsunion gesetzten Schwelle, was die weitere Kreditaufnahme erleichtert und die Zinshöhe positiv beeinflusst. Das dicke Ende … kommt später.

Um am Ende noch einmal Jean de la Fontaine zu zitieren: 

„Wer liebt zu schweifen nicht im Blauen, 

und wer Luftschlösser nicht zu bauen?

Picrocholus, Pyrrhus und die Milchfrau, jeder fällt,

der Narr dem Weisen gleichgestellt …“

Strandgut

Seit Beginn der Corona-Maßnahmen haben Petra und ich uns daran gewöhnt, kurz nach Sonnenaufgang eine Stunde in flottem Schritt an der Küste des Golfs von Guinea, wie der Atlantik hier heißt, durch Sand und Wellen zu marschieren. Die Runde ist zum einen hinreichend lang und schweißtreibend, dass der Nachweis einer sportlichen Betätigung als erbracht gelten kann; und sie ist andererseits so kurz und erholsam, dass Schaffenskraft und Lebensfreude für den ganzen Tag angenehm stimuliert werden.

Konstanter Begleiter ist die Silhouette der Stadt, die bis auf dreihundert Meter an die Wasserlinie gerückt ist. Luxuriöse Wohnblocks in Blau und Ocker wechseln sich ab mit mehrstöckigen Bauruinen, die seit Jahren kein Handwerker mehr betreten hat. Was sich hinter den dunklen Fensterhöhlen verbergen mag, wagen wir nicht herauszufinden; vermutlich sind es denn auch Bewohner dieser in Bälde einstürzenden Neubauten, die ihre Notdurft in hastig ausgehobene Sandkuhlen am Strand verrichten. 

Doch auch ohne sie ist das Gestade nicht menschenleer: wir begegnen emsigen, leider meist erfolglosen Fischern, gelenkigen Akrobaten, flotten Läufern, konzentrierten Strandgutsammlern, andächtigen Anhängern der Himmlischen Kirche Christi, ehrfürchtig knieenden Verehrern der Meeresgottheit Mamiwata, energisch exerzierenden Soldaten in Flecktarn, die Schießübungen auf Pappfiguren veranstalten, wachsamen Wellenbeobachtern, entrückten Wolkenträumern, aufmerksamen Meereswächtern und potentiellen Piraten, die uns mittlerweile kennen und freundlich winkend unseren Morgengruß erwidern.

Nicht vergessen darf ich Olga und Heinz, die handtellergroßen Strandkrabben, deren wirre Zickzacklinien wir wie selbstverständlich kreuzen. Petra, misstrauisch gegenüber allem, was mehr als vier Beine hat, ist jedes Mal dankbar, dass sie ihre Brille nicht dabeihat, denn die beiden und ihre Artgenossen bevölkern zu Tausenden den Meeressaum. Sie alle stürzen sich rasant seitwärts in den Gischt der brechenden Wellen, um Plankton, Vielborster und Nesseltiere zu fangen und zum Frühstück zu verspeisen, ohne Rücksicht auf die sensiblen Zehen von uns Strandwanderern zu nehmen. Olga ist die schnellste von allen, während der gemütliche Heinz am liebsten in seinem Sandbunker ausharrt, bis eine Mahlzeit vorbeispaziert.

Bei unserem Gang müssen wir uns vorsehen, dass wir nicht über die Dinge stolpern, die zu unseren Füßen liegen. Neben vermoosten Schildkrötenpanzern finden wir scharfe Messer- und kantige Kammmuscheln, polierte Tintenfischschulpe und die verlassenen Gehäuse von Horn- und Apfelschnecken. Auch seifige Seegrasbälle, modernde Mangroven, labbriger Tang, matschige Ananas, glibberige Kokosnüsse, schleimiger Bambus, öliger Meeressalat und glitschige Algen säumen unseren Weg.

Meist sind es allerdings die nicht kompostierbaren Relikte der Zivilisation, die uns immer wieder vor Augen führen, wie viel Müll über die Meere fortgetragen und wiedergebracht wird. Das sind nicht nur gequollene Tampen, fasrige Taue, ausgelaugte Teebeutel, zerkratzte Teller, gestauchte Tiegel, eingedellte Tonnen, zerfetzte Tragetaschen, gebrochene Trichter, verbeulte Trommeln, ausgedrückte Tuben und löchrige Tüten, sondern auch ramponierte Kalebassen, korrodierende Kanister, entleerte Kartuschen, angestoßene Kasten, abgenutzte Kisten, verknotete Kondome, kaputte Körbe, nutzlose Korken neben blank geschliffenen Zahnriemen, warnhinweisfreien Zigarettenschachteln und ihres Verschlusses beraubten Zip-Beuteln. Wir sehen poröse Pfandflaschen, die keiner Annahmestelle mehr zugeführt werden können, erloschene Lichterketten, dunkle Neonröhren und zerdepperte Schraubdeckel. Ein voluminöser BH, der seiner üppigen Trägerin mit Sicherheit sehnsüchtige Blicke beschert hat, wird von der nächsten Welle wieder in die Weiten des Ozeans getragen. Sieben 40-Watt-Glühbirnen mit Bajonettsockel sind über einen Kilometer Strand verteilt; weiß der Himmel, welche Strecke sie hinter sich gebracht haben. Eine Gin-Flasche mit dem Aufkleber „not for sale in Maharashtra – for export only“ hat der behördlichen Weisung voll entsprochen. Und das Rasierwasser „Five Eleven“ hat mit Sicherheit voreiligen Terroristen gehört, die zwar Wert auf ein gepflegtes Äußeres legen, aber viel zu früh kommen – so wird das nix mit den 70 Jungfrauen …

Eine Stunde ist schnell vorbei. Ab und zu gewinnt Petra - unter Ausschluss der Konkurrenz - den wet pants contest, weil sie mal wieder einer vorwitzigen Welle nicht schnell genug entkommt. Sonst würde es uns bestimmt langweilig werden.

Die Wiege des Voodoo

Würdevoll schreitende Könige mit silbernen oder goldenen Plastikkronen, begleitet von ihren ganz in Weiß gekleideten Frauen und emsigen Schirmträgern, die ihre Herrscher vor Sonne, Regen und Fliegen bewahren; lehmverschmierte barbusige Tänzerinnen in Baströckchen, sich in Trance beständig drehend; ihre männlichen Pendants, die mit frisch gewetzten Messern und scharfen Rasierklingen Bauchfell und Zungenspitze traktieren, aber keine sichtbare Verletzung davontragen; Anhänger des Eisengottes ogun mit Totenschädeln besiegter Gegner auf den Schultern, die freundlicherweise mit Säcken verhüllt sind; mutige Stelzengänger (kpodji guégué) auf fünf Meter hohen Stangen, deren Aufzug an Lappenclowns erinnert; imposante Priesterinnen mit den Insignien ihres Amtes: imposante Ketten, wuchtige Stoffstapel oder bunt bemalte Leoparden-Figuren; egungun, mit okkulten Kräften ausgestattete Wiedergänger aus dem Totenreich in bizarren Paillettenkostümen; zum krönenden Abschluss der Parade die gefürchteten und blitzschnell sich fortbewegenden zangbéto („Jäger der Nacht“) in geschlossenen zwei Meter hohen, farbenfrohen und gehörnten Strohpyramiden: werden sie umgekippt, ist entweder nichts drunter - oder es kommen lebendige Pythons, frisch gepflanzte Kokospalmen oder chinesische Roboter zum Vorschein (hier geht es zu den Bildern). 

10. Januar in Grand Popo. Festtag der traditionellen Religionen und arbeitsfrei. Das ist im Süden des Benin: Huldigung des Voodoo. Voodoo? Handelt es sich um die Glorifizierung schwarzer Magie, perfiden Hokuspokus oder eine beninische Mutation des Karnevals? Nichts davon! Anhänger von „Indiana Jones“, „Fluch der Karibik“ oder „Angel Heart“ werden enttäuscht sein: finstere Rituale, bei denen spitze Nadeln in bekleidete Stoffpüppchen mit dem Antlitz des Konkurrenten, der Nebenbuhlerin oder des Vermieters gesteckt werden mit dem Ziel, diesen Widersachern weh zu tun oder sie ins Jenseits zu befördern, haben mit der westafrikanischen Realität recht wenig gemein. Auch die vorgeführten Zauberkunststückchen entsprechen nicht ganz dem Niveau von Bühnenmagiern oder Illusionisten, sondern rufen nur bei Kindern Neugier, Erstaunen oder Schrecken hervor. Karneval: das kommt der Sache schon näher! Ich habe ja bereits an anderer Stelle geschrieben, dass die Beniner eigentlich verkappte Rheinländer sind; jedenfalls ist ihnen das „Rheinische Grundgesetz“ sehr auf den Leib geschneidert. Und wie in Köln Stämme wie die „Poller Negerköpp“ die Umzüge bereichern, so tragen in Grand Popo Brauchtumsvereine wie „Mami Wata“ (weiße Wassergöttin) zum Spektakel bei.

Vodun, außerhalb Benins meist als “Voodoo“ bezeichnet, ist in der hiesigen Bevölkerung tief verwurzelt. So tief, dass nach dem Ende der Diktatur in den 90er Jahren den christlichen und islamischen Feiertagen ein weiterer hinzugefügt wurde. Der 10. Januar wird von den zahlreichen Adepten des Vodun – etwa ein Fünftel der Bevölkerung Benins sind Mitglieder der traditionellen Religionen, deren Elemente auch Christen und Moslems in ihren Glauben integriert haben – vor allem in den drei Küstenstädten Porto Novo, Ouidah und Grand Popo mit farbenfrohen Prozessionen der den Hauptgottheiten zugeordneten Korps, den couvents, zelebriert.

Benin wird als die „Wiege des Vodun“ bezeichnet. Ende des 17. Jahrhunderts expandierte das kriegerische Königreich der Fon-Ethnie, Dahomey, und übernahm dabei auch große Gebiete der Yoruba-Stämme. Die jeweiligen Naturgötter wurden zu einem neuen Pantheon mit insgesamt 401 höheren Wesen zusammengeführt, dem Vodun-Kult. Der ist eine recht praktische Religion, denn sie fußt auf dem Prinzip des Gebens und Nehmens: die Götter bekommen Schnaps, Ziegen oder Maisbrei; die Gläubigen Gesundheit, Wohlstand oder treue Ehepartner. Sind die Götter nicht erfolgreich, geraten sie in Vergessenheit. Fallen die Opfergaben zu mickrig aus, ziehen Siechtum, Elend und Eifersucht bei den Spendern ein. Ein fairer Deal!

Oberste Gottheiten des Vodun sind das Paar Sonne und Mond, viel zu weit entfernt von der Erde und mit wichtigeren Dingen beschäftigt als den Sorgen der Menschen. In Erscheinung treten sie nur durch ihre Vertreter, die in der beseelten und belebten Natur (Bäume, Tiere, Flüsse) zu Hause sind. Deren Zuständigkeiten sind breit gefächert: für Gesundheit, das Herdfeuer, den Krieg, das Eisen, die Ernte, das Wetter, das Leben und den Tod. Besondere Würdigung erfährt in einer nach wie vor von Männern bestimmten Gesellschaft legba, der jüngste Sohn des Schöpfergottes. Der ist immer zu Streichen aufgelegt und hat ein großes Faible für das andere Geschlecht. Kommt man in ein beninisches Dorf, so empfängt einen meist, aus Ton und Stroh gefertigt und von einem Palmendach beschützt, der Dorf-legba mit mächtigem und stets erigiertem Penis. Ein echter Hingucker!

Zugegebenermaßen gibt es auch Schadzauber durch Hexer, die azeto. Und der kann die Betroffenen durchaus schlagen: mit Impotenz, Hexenschuss, Irrsinn. Doch anders als in westlichen Ländern, in denen schwarze Magie von der Jurisprudenz nicht sanktioniert wird, folgt in Benin die Strafe für illegales Maleficium auf dem Fuße: Xevioso, der Gott für Blitz und Donner, erwischt den Missetäter und lässt ihn bei nächster Gelegenheit in Rauch aufgehen.

Vodun hat internationale Bedeutung erlangt durch den Sklavenhandel. Französische, portugiesische und holländische Seefahrer tauschten Gewehre, Glas und Schmuck gegen das „schwarze Gold“ ein, das in den Plantagen der überseeischen Besitzungen dringend vonnöten war. Man schätzt, dass von der Reede von Ouidah bis zum Ende der Sklaverei etwa zwei Millionen Frauen und Männer deportiert wurden. Auch für die lokalen Könige war das ein gutes Geschäft, denn statt der regelmäßig veranstalteten Menschenopfer bei religiösen Ritualen konnten sie ihren weltlichen Reichtum durch den Verkauf der Kriegsgefangenen vergrößern und gleichzeitig die Feuerkraft der eigenen Truppen erhöhen.

Die versklavten Menschen brachten nicht nur ihre Arbeitskraft in die Neue Welt, sondern auch ihre Traditionen, ihre Musik, ihre Tänze und ihre Religion. Das, was in Brasilien als candomblé, in Haiti als vaudou, in den USA als Mississippi Valley Voodoo, auf den Westindischen Inseln als Obeah und auf Kuba als Santería bezeichnet wird, hat seinen Ursprung in Benin. Mehr als 50 Millionen Menschen, fünf Mal mehr als heute in Benin leben, sind Anhänger dieser Religionen. Und einige von ihnen kommen als Pilger heim in die Heimat des Vodun und nehmen neben einigen weißen Urlaubern ergriffen an den Festivitäten teil.

Inspiriert von lukrativen Wallfahrten nach Lourdes oder Kevelaer will die Regierung diese „Unique Selling Position“ denn auch zur Steigerung der Attraktivität des Benin als Urlaubsdestination nutzen. In Anlehnung an die Idee der „Sklavenstraße“ sollen ein „Kloster-Rundweg“ und eine „Voodoo-Arena“ entstehen. In miteinander vernetzten traditionellen Heiligtümern werden Touristen künftig über die Bedeutung des Vodun und seine Riten informiert, können Souvenirs erstehen und sich mit dem Fa die Zukunft vorhersagen lassen. Massentourismus zum Voodoo-Kult mit Baströckchen, Orakel und legba: Vielleicht gibt es dann ja endlich in den Andenkenläden auch Voodoo-Puppen und Nadeln zu kaufen! 

Unternehmer im Benin

Mit der Tätigkeit in einem Entwicklungsland wird man – falls nicht im Hotel oder in einer arbeitgebereigenen Residenz untergebracht – fast zwangsläufig Brötchengeber von Wächtern, Kindermädchen, Koch, Gärtner, Chauffeur und Haushälterin und anderen dienstbaren Geistern. Ihr Anheuern sorgt neben der Rundumversorgung des patron und seiner Familie dafür, dass man letztlich nie unter Einsamkeit leiden muss und als relativ wohlhabender Teil der Gesellschaft die nicht vorhandene Verteilungspolitik des Staates etwas kompensieren darf. Es gibt im städtischen Benin fast keinen Hausstand, der nicht über Angestellte verfügte, selbst bei sehr kleinen Einkommen. Eine „bonne“ („Mädchen für Alles“) geht immer …

In aller Regel gestalten sich die Beschäftigungsverhältnisse einfach: Auswahl, Einstellung und Arbeitsbeginn fallen oft zeitlich zusammen, die Gehälter werden mit oder ohne Handschlag festgelegt, die Vergütung von Mehrarbeit und die Gewährung von Zusatzleistungen wie Weihnachtsgeld hängen wie zu Zeiten des Feudalismus vom Wohlwollen des Chefs ab. Domestiken – so die gängige Bezeichnung für das Hauspersonal – sind zu nahezu 100 Prozent informell beschäftigt, genießen keinen Kündigungsschutz, sind sozial nicht abgesichert und zahlen keine Steuern. Eigentlich stört sich kaum jemand – außer gelegentlich den Betroffenen selbst – an dieser Situation.
 

In der Arbeit der Stiftung streben wir gemeinsam mit Gewerkschaften und Zivilgesellschaft an, diese informellen Arbeitsbeziehungen durch eine „Stärkung der Vertretungsmacht“ der Hausangestellten (und anderer Angehöriger des informellen Sektors, der mehr als 90% der Arbeitskräfte beschäftigt) zu regulieren (mal wieder eine typisch sozialdemokratische Ranküne zum Abwürgen der Wirtschaft). Dabei geht es darum, dass die Beschäftigten den staatlich festgelegten Mindestlohn (entspricht der Weltbank-Armutsschwelle von etwa 2 Dollar am Tag) erhalten, über einen rudimentären Schutz im Krankheitsfall verfügen, Ansprüche auf eine Rente erwerben und der Willkür der Haushaltsvorstände nicht völlig preisgegeben sind. Bevor sich jetzt die expats auf die Füße getreten fühlen: ihr seid natürlich nicht gemeint! 

Wenn vor diesem Hintergrund herauskäme, dass ich offiziell für formalisierte Arbeitsverhältnisse eintrete, aber privat Leute „schwarz“ beschäftige, würde ich vermutlich aus SPD und Gewerkschaft ausgeschlossen. Um die Kraft dieser Kampforganisationen der arbeitenden Klasse durch einen solchen harten, aber gerechten Rauswurf nicht noch weiter zu schwächen, war ich fest entschlossen, Koch und Magd – ein Kindermädchen, darauf haben Petra und ich uns geeinigt, brauchten wir nicht mehr, da ich bis auf wenige Ausnahmen auf mich selbst aufpassen kann – als Gehalts- und Befehlsempfänger unseres Herrscherhauses bei Steuerverwaltung, Renten- und Krankenversicherung anzumelden.

Der erste Gang führte mich zur Steuerbehörde, denn die Steuern müssen vom Arbeitgeber abgeführt und anschließend den Beschäftigten wieder vom Lohn abgezogen werden. Ich hatte das unserer kleinen Belegschaft bei einer Betriebsversammlung präventiv kundgetan; als ich mich dazu bereit erkläre, ihren Lohn um den Steuerabzug zu erhöhen, waren sie mit der Anmeldung beim Fiskus einverstanden.

Ohne IFU-Karte („Identifiant Fiscal Unique“, was so viel bedeutet wie die deutsche Steuer-ID, allerdings mit Bild) sind alle weiteren Bemühungen zwecklos, ein rechtschaffener Steuerzahler zu werden. Also musste ich ein a) biometrisches Passbild von mir sowie b) meine deutsche Geburtsurkunde in französischer Sprache vorlegen. Hinzu kamen c) die Bescheinigung des Bürgermeisters meines hiesigen Stadtviertels, dass ich wirklich hier lebe, d) die bereits häufig in Anspruch genommene „Carte de Service“ als Nachweis meiner Daseins- und Aufenthaltsberechtigung in Benin nebst e) mehrerer Kopien meines Reisepasses, f) das Testat der Beglaubigung meiner Unterschrift in einem kleinen Stadtteilbüro, g) der Mietvertrag und h) das Rahmenabkommen der Friedrich-Ebert-Stiftung mit der Republik Benin. 

Mit etwa zwei Kilogramm Papier beladen spazierte ich in die Behörde, die die Karte ausstellt. Das erste Hindernis stellte sich an der Pforte, denn der Wächter verlangte meinen Reisepass als Unterpfand für den Eintritt. Mein Hinweis, dass ich diesen vermutlich zur Ausstellung meines Zertifikats benötige, ließ ihn zunächst unbeeindruckt; aber nach geduldigem Zureden gab er sich schlussendlich mit einer Kopie meines Internationalen Führerscheins zufrieden. 

„Guten Tag, Herr Weiß!“, wurde ich von der zuständigen Beamtin im Erdgeschoss des Gebäudes herzlich begrüßt. „Wie geht’s, Frau Schwarz?“, entgegnete ich zur Freude der anwesenden Beniner und wurde sogleich auf den offensichtlich für Europäer reservierten Stuhl in der ersten Reihe komplimentiert, was ich mit einem Hinweis auf die anderen Wartenden dankend ablehnte. Da beninische Beamte multitasking-fähig sind und mehrere Bittsteller gleichzeitig behandeln können, kam ich trotzdem nach einer knappen halben Stunde dran und durfte mich durch das schmale Glasfenster, das sich etwa in Bauchnabelhöhe befand, mit meiner Ansprechpartnerin unterhalten. Nach dem Hinweis, dass ihre Hautfarbe nicht schwarz, sondern braun sei, was eine Anrede als „Madame Brune“ rechtfertige, erstaunte sie sich und mich mit dem Hinweis, dass meine Unterlagen vollständig vorlägen, was keinesfalls als der Normalfall anzusehen sei. 

Allein mit der deutschen, ins Französische übersetzten Geburtsurkunde kam sie weniger klar, da diese nicht dem in Benin vorgeschriebenen Format entspreche. „Die Deutschen sind schrullig“, stellte sie nach einem prüfenden Blick auf das Formular fest, worauf ich – wiederum von bestätigendem Nicken der anwesenden Leidensgenossen begleitet – darauf hinwies, dass die Deutschen vielleicht merkwürdig seien, es in Sachen Bürokratie aber bestimmt mit den Beninern aufnehmen könnten. Mit einem langen Seufzer druckte sie das Plastikkärtchen aus und beeilte sich mir mitzuteilen, dass ich jederzeit wieder ein gern gesehener Gast in der Finanzverwaltung sei. Die erste Etappe war geschafft!

Das nächste Amtsgeschäft führte mich zur Caisse Nationale de Sécurité Sociale, der Sozialversicherungsbehörde, die die von den Arbeitgebern abzuführenden Rentenbeiträge einsammelt und angeblich später auch die Pensionen auszahlen soll. Hier musste ich nicht nur einen Antrag ausfüllen, sondern auch Kopien a) meines Reisepasses, b) meiner Aufenthaltsberechtigung, c) des Rahmenabkommens, d) der IFU-Karte (hatte ich schon!) vorlegen und Angaben über meine Beschäftigten einschließlich des Beginns ihrer Arbeitsaufnahme und die vereinbarten Gehälter machen. Für meine Angestellten waren sodann jeweils e) f) eine beglaubigte Kopie der Personalausweise, g) h) ihrer Geburtsurkunden und i) j) der bisherigen Sozialversicherungsausweise sowie k) l) ein Passbild beizubringen. Da die Zahlung der Versicherungsbeiträge (20% der Bezüge der Angestellten) vierteljährlich in bar auf der Grundlage einer jeweils neu auszufüllenden Gehaltserklärung bis zum 15. des Folgequartals erfolgen muss, konnte ich direkt die Brieftasche öffnen. Das ging ja ab wie Schmitzkatze!

Nun die Krankenversicherung. Die hier in Erwartung eines florierenden Geschäfts vertretenen Filialen großer Assekuranzen versichern in der Regel die Arbeitnehmer größerer Firmen. Das Geschäft mit der Versicherung von Hausangestellten scheint nicht so richtig zu boomen, sodass ich mit meinem Begehr erst einmal auf Staunen und Unverständnis stieß. Nach längeren Hinweisen meinerseits auf die Bismarck’schen Sozialreformen im Allgemeinen und die Errungenschaften der sozial-ökologischen Marktwirtschaft im Besonderen wurde mir sodann ein Angebot unterbreitet, das Prämien vorsieht, die etwa doppelt so hoch sind wie das Salär meiner Angestellten. Auf die Frage, wieso denn privat beschäftigte Köche und Zugehfrauen das Achtfache der Beiträge von Lohnempfängern der Stiftung – die ich als Beispiel heranzog - entrichten sollen, wurde ich auf die hohen Transaktionskosten einerseits und das Risiko der missbräuchlichen Inanspruchnahme von Versicherungsleistungen hingewiesen. 

Ich verzichtete daher leichten Herzens auf diese Dienstleistung und vereinbarte mit meinen Leuten eine „Tontine“: das ist eine Art Sparkasse, in die ich monatlich einen bestimmten Betrag einzahle, und bei der im Bedarfsfall die bis dahin akkumulierte Summe ausgeschüttet wird. Damit haben unsere Angestellten entweder immer die Möglichkeit des direkten Zugangs, oder aber sie erhalten nach einem Jahr praktisch zwei Monatsgehälter zusätzlich ausgezahlt. Mit dieser Regelung waren sie mehr als zufrieden!

Der letzte und zeitraubende Schritt war die Steuererklärung. Zunächst einmal galt es einen langen Antrag auszufüllen, um die Höhe der Steuer pro Beschäftigten zu ermitteln. Hierbei spielen natürlich das Gehalt und der Familienstand, aber auch das Alter der Steuerpflichtigen eine Rolle. So sind Kopien der Geburtsurkunden, der Sozialversicherungsausweise und der Identitätsnachweise der Werktätigen vorzulegen, damit die Steuerakte angelegt werden konnte. Dieser Vorgang nahm etwa sechs Wochen in Anspruch. Als ich dann frohlockend das erste Mal bezahlen wollte, stellte der Beamte schockiert fest, dass ich mit der Einstellung der Domestiken nicht gewartet hatte, bis mein Dossier fertig war. Mit großem Bedauern setzte er für November und Dezember Strafzahlungen fest; für den November kamen gar Verzugszinsen hinzu. Billigend nahm ich diese Sanktionen in Kauf, war doch aus meiner Sicht die letzte Klippe umschifft. Endlich ein gesetzestreuer Steuerzahler und Arbeitgeber!

Jedenfalls bis zum nächsten Zahltag. Ich hatte unseren Koch mit meinem Tribut zum Finanzamt geschickt; er kam mit Geld und ohne Quittung wieder zurück. Barzahlung sei nicht mehr möglich; Zahlungen müssten künftig bargeldlos erfolgen. Ich suchte meinen Steuereintreiber persönlich auf. Nichts zu machen: Dies sei die klare Erwartung von Staatschef und Finanzminister für alle Arbeitgeber und ein Schritt in eine glorreiche virtuelle Zukunft des Benin. Meinen dezenten Hinweis, dass statistisch nur 5 Prozent der beninischen Bevölkerung einen Internetanschluss hätten, wies er als hinterwäldlerisch und fortschrittsfeindlich zurück.

So ergab sich die Notwendigkeit eines eigenen Bankkontos. Bisher gab es dafür keinen Bedarf: die Barauszahlung am Geldautomaten funktioniert meist ohne Probleme, und die Entrichtung des Mietzinses erfolgt reibungslos im kostenlosen Zahlungsverkehr zwischen Deutschland und Frankreich. Mit Hilfe einer engagierten Mitarbeiterin unserer Hausbank gelang es mir aber, in nur zwei Wochen Kontonummer, Scheckheft und Online-Zugang zu erhalten. Auch die Überweisung aus Deutschland war innerhalb von zwei Tagen auf meinem Konto, wenn auch mit horrenden Überweisungsgebühren … 

Trotzdem lief mir die Zeit davon, denn der Ultimo und das Risiko einer erneuten Strafe drohten erneut. Unter Einsatz des mir zu Gebote stehenden Charmes konnte ich eine Beamtin der Steuerbehörde betören: ich würde alles in meiner Macht Stehende tun, um künftig meine Steuern digital zu entrichten. Aber sie möge doch bitte noch ein einziges Mal eine Ausnahme machen. Auch hier nahmen viele potenzielle Steuersünder, die mit dem gleichen Anliegen zum Finanzamt gekommen waren, regen Anteil und unterstützten mein Trachten vehement. So durfte ich ins Portemonnaie greifen und erhielt meine Quittung, nicht ohne weitere Formulare analog auszufüllen, in denen ich meine Bereitschaft zum Eintritt in „Benin 5.0“ erklärte.  

Schon eine Woche später erhielt ich eine Mail der Steuerbehörde, die mich freudig als neuen Teilnehmer der „e-services“ begrüßte und mich aufforderte, mein Postfach zu öffnen, weil dort bereits eine Nachricht auf mich warte. Leider war das nicht möglich, da ich ja bis dato weder den zur Anmeldung erforderlichen Nutzernamen, geschweige denn das Passwort erhalten hatte. Tiefbetrübt suchte ich wieder das Finanzamt auf, um die nötigen Daten zu bekommen. Dort wurde mir fröhlich erklärt, es handele sich um einen Irrtum. Bei zwei Angestellten sei die monatliche Steuerschuld zu gering; die Einrichtung eines Zugangs lohne sich nicht. In Zukunft solle ich die Steuern für meine Angestellten wieder bar bezahlen. Zur Liquidation meiner elektronischen Identität in der beninischen Finanzadministration müsse ich aber ich ein Schreiben verfassen, möglichst analog in drei Ausfertigungen, denn ohne ein solches bliebe ich für ewig eine alphanumerische Karteileiche im Server der Direction Générale des Impôts du Bénin: fürwahr eine beängstigende Aussicht!

Da ich darauf bestand, Teil der digitalen Avantgarde des Benin zu werden, wurde schließlich akzeptiert, dass meine Steuerschuld künftig per Bankeinzug von meinem nur selten benutzten Beniner Konto abgebucht werden sollte. Zu diesem Behuf war es denn erforderlich, erneut drei Formulare auszufüllen, die von mir und meiner Bank unterschrieben und abgestempelt werden mussten. Eines durfte ich behalten, allerdings erst, als ich es eigenhändig unterschrieben hatte.

Nun warte ich seit drei Wochen auf die erste Abbuchung. In einer Woche müssen die Abgaben entrichtet werden; wenn der Fiskus dann nicht das Geld hat, drohen wieder Strafen. Am besten, ich zahle den Betrag vorsichtshalber wieder in bar ein …

Schwer Verkehr in Cotonou

Ohne sich umzuschauen rast der junge Motoradfahrer quer über die Fahrbahn. Ich steige in die Eisen und komme knapp vor seinem Hinterrad zum Stehen. Freundlich lächelnd blickt er über die Schulter, winkt mir fröhlich zu und beschleunigt wie ein geölter Blitz, um aus der Reichweite meiner Stoßstange zu kommen. Wieder einmal geschafft! 

Um am beninischen Straßenverkehr teilzunehmen, darf man kein Hasenfuß sein! Nein, hier braucht es die Reaktionsschnelligkeit eines Düsenjägerpiloten, den Mut eines Richard Löwenherz, die Frustrationstoleranz eines Sozialdemokraten, die Demut des Papstes, die Kaltblütigkeit eines Pferdemetzgers; man muss opferbereit sein wie ein frühchristlicher Märtyrer, stoisch wie Theresa May, beherzt wie Robin Hood und auf jeden Fall entscheidungsfreudiger als Angela Merkel. Und das alles möglichst simultan.

Nach einem halben Jahr in Benin wird mir klar, warum dieses schöne Land trotz aller Talente keinen Michael Schumacher hervorgebracht hat. Rennfahrer haben es schwer auf den hiesigen Straßen. Zwar rollt schon mal der eine oder andere Porsche oder Maserati über den Asphalt der Städte. Ängstlich achten ihre Fahrer auf die tiefergelegten Frontspoiler, deren Metallic-Lack man den sporadischen, aber innigen Kontakt mit nicht ausreichend tief gelegten Bordsteinen ansieht. Gottlob erhöhen sie nur die akustische Umweltverschmutzung in Cotonou. Ansonsten sind sie Raritäten: der beninische Fuhrpark besteht zu je einem Viertel aus ost- und südostasiatischen Sports Utility Vehicles, koreanischen und japanischen Klein- und Mittelklasseautos, kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch stehenden Peugeot-Veteranen sowie einer aus dem Mesozoikum des Fahrzeugbaus stammenden Armada von Lastkraftwagen. Ihr aller Verdienst ist es, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit des rollenden Fahrzeugbestands maximal das Tempo erreicht, das auf den Autobahnen rund um Frankfurt an jedem Montagmorgen außerhalb der Ferienzeit registriert wird.

Dieser beispielhafte und zukunftsweisende Beitrag Benins zur Entschleunigung und damit auch zur tendenziellen Reduzierung von Personen- und Sachschäden ist auf eine langfristig angelegte Infrastrukturpolitik des Staates zurückzuführen. Woanders braucht es Schilder, die vor Kurven warnen, auf potenzielle Zusammenstöße mit Elefanten, Kühen oder Schülerlotsen hinweisen, das Überholen untersagen, Schneeketten vorschreiben. Dessen bedarf es hier nicht. In Benin gibt es dahingegen „Eselsbuckel“ genannte Querschwellen auf der Fahrbahn, deren allzu flottes Überfahren unweigerlich den Bruch einer oder mehrerer Achsen nach sich ziehen muss. Es gibt Leute, die probieren das tatsächlich aus. Dazwischen befinden sich tiefe, selbst durch eine mäandernde Fahrweise nicht zu vermeidende Schlaglöcher, in denen man während der Regenzeit ertrinken könnte. In Spurrillen tief wie Ackerfurchen, von 50-Tonnern in die Chaussee gepflügt, wird man wie ein Schienenomnibus auf vorgegebenen Geleisen behutsam geführt. Ein Ausbrechen steht nicht zur Debatte, denn an beiden Seiten quillt der von Tausenden mit Benzin, Zement, Stahl und anderem Stück- und Schüttgut beladenen Lastern gewalkte Asphalt breiig wie der Rand eines zu dicken Pizzasteigs heraus. Die unverdrossene Weigerung der Regierung, Neubaustrecken in Stand zu halten, ist beredtes Zeugnis für ihre feste Absicht, dem globalen Trend zur Rast- und Ruhelosigkeit ein entschiedenes „Halt!“ entgegenzurufen. So dauert es glücklicherweise nicht lange, bis sich ein von fleißigen Chinesen frisch geteerter Boulevard in eine durchlöcherte Rüttelstrecke verwandelt hat, die Chauffeur und Material ein hohes Maß an Kampfgeist bei Schritttempo abverlangt.

Weitere Gründe für die vorbildlich ressourcenschonende Begrenzung eines zu sportlichen Verkehrsflusses sind die bevorzugte Zulassung und die mangelhafte Kontrolle vorsintflutlicher Schwertransporter. Die grundsätzlich in Kolonnen fahrenden Sattelschlepper legen auf den meist nur zweispurigen Strecken ein Tempo vor, welches die Marke von 20 km/h selten überschreitet. Überholen ist nicht nur wegen des Gegenverkehrs und der die Fahrbahn kreuzenden Tiere auf den unübersichtlichen Strecken schwierig; der schwarze Qualm der dicken Brummer lässt einen schon wegen der Geruchsbeeinträchtigung einen geziemenden Abstand zu den Konvois halten. Wagt man das Passieren dennoch, so sind ein paar Sekunden Blindflug mitten in schwarzen Dieselschwaden (oder - auf Schotterpisten - im roten Staub) zu erdulden, bevor die nächsten Meter der Trasse wieder sichtbar werden. 

Erfreulicherweise ist bei langen Ausflügen ins Landesinnere die Versorgung mit dem Nötigsten immer gesichert. Entlang der Verkehrsachsen Benins erstreckt sich ein dichtes Netz von Frucht-, Gemüse-, Essens- und Getränkeständen. Jede Region präsentiert sich von ihrer besten Seite und bietet ihre charakteristischen Spezialitäten an. Fernfahrer schichten Ananas aus Allada, Holzkohle aus Djougou, Mangos aus Dassa, Yams aus Natitingou, Peulh-Käse aus Tanguiéta, Apfelsinen aus Comé und Gari aus Bohicon kunstvoll auf ihre Trucks und verdienen sich durch den kleinen Handel ein geringes Zubrot auf dem langen Weg von und nach Niamey, Ouagadougou oder Bamako. Tankstellen gibt es nur wenige. Wenn sie überhaupt Sprit haben, dann ist entweder Diesel oder Benzin, niemals aber beides gleichzeitig verfügbar. Dafür stehen am Straßenrand alle hundert Meter gelbe Kanister, grüne Glasballons und Schnapsflaschen, randvoll mit Sprit, der aus Nigeria ins Land geschmuggelt wurde. Er kostet in Cotonou nur halb so viel wie der offiziell gehandelte Treibstoff; Richtung Norden steigt der Preis pro hundert Kilometer um etwa 30 FCFA (etwa 5 Cent) pro Liter. Ob sich auch Polizei und Zoll klandestin mit dem Stoff versorgen, habe ich bisher nicht beobachten können; jedenfalls wird das illegale Geschäft, offenbar eine wichtige Einkommensquelle für die an den Hauptdurchgangsstrecken lebenden Menschen, von der Obrigkeit geduldet. 

Bleibt man liegen, was angesichts der vielen havarierten kleinen und großen Rostlauben keine Seltenheit zu sein scheint, muntert einen das Hinweisschild auf die „Garage Pas Grave“ (Werkstatt „Ist ja nicht schlimm“) gleich wieder auf. Sollte man sich verfahren und durch 78 Zentimeter hohe, massive Betonbarrieren am Wenden gehindert werden: Kein Problem! Man kann jederzeit entgegen der Fahrtrichtung zurückfahren, blinkt und hupt die herankommenden Geisterfahrer aus dem Weg und nutzt die nächste, von der letzten Begegnung eines Konduktörs mit dem auch so bezeichneten „Opfermaterial zur Absorption der Auf­prall­energie“ hinterlassene Bresche, um wieder auf die andere Seite zu finden.

In Cotonou wird das Straßenbild durch die „gilets jaunes“ farblich enorm bereichert. Sie fallen – anders als in Frankreich - nicht durch Demonstrationen und brennende Reifen auf, sondern sind das Rückgrat des öffentlichen Personennahverkehrs. Bei den „zémidjan“ (auf Deutsch etwa: „Bring mich schnell dorthin!“) handelt es sich um Motorradtaxis, deren Kutscher, in gelbe Warnwesten gehüllt, zu Tausenden die Beförderung der Stadtbevölkerung garantieren. Für einen kleinen Obolus transportieren die meist obercoolen Zweiradlenker ein bis drei Passagiere samt Haustieren und imposante Lasten wie Schaufensterscheiben oder Eierkartons zu jeder Tages- und Nachtzeit von Stadtviertel zu Stadtviertel und in die Vororte. In den Stoßzeiten sind sie das mit Abstand schnellste Fortbewegungsmittel, denn sie können Schlaglöchern besser ausweichen als Autos, zwängen sich in jede verfügbare Lücke, haben keine Angst vor Blechschäden und kleineren Kratzern und verfügen über Beifahrerinnen und Beifahrer, die bei Bedarf handgreiflich andere Verkehrsteilnehmer auf Abstand halten. Regeln gelten für sie nicht: kommt dir einer auf deiner Fahrbahn entgegen, betätigt er kurz seine Lichthupe und geht davon aus, dass du entweder ausweichst oder bremst. Eine kühne Vermutung, die sich – dem Himmel sei Dank! - meist bestätigt.

Ich bin mir noch nicht sicher, was den Verkehr in Cotonou in Bewegung hält: gegenseitige Rücksichtnahme oder tiefsitzendes Misstrauen in die Fähigkeiten der anderen Verkehrsteilnehmer. Für die Nutzung von Kreiseln habe ich die folgende Hypothese aufgestellt: 50% der Fahrschulen bringen ihren Eleven bei, dass die Gefährte im Kreisverkehr Priorität haben; 50% lehren das Gegenteil. Im Ergebnis weiß daher niemand, wie sich die anderen wohl verhalten werden, sodass jedes Überqueren immer wieder ein neues Abenteuer darstellt. Fußballer und Politiker wissen: man muss die Freiräume des Gegners immer enger machen, bis er blockiert ist und nicht mehr anders kann, als euch vorbeizulassen. Das funktioniert auch im beninischen Verkehr, manchmal nur millimeterweise, aber mit Geduld und Spucke kriegt das jeder hin! Wie im wirklichen Leben gilt auch in Cotonou: wer zögert, verliert.

Ich fahre zügig in die Kreuzung. Der heranrauschende Motorradfahrer steigt in die Eisen und kommt sieben Millimeter vor meinem rechten Vorderreifen zu stehen. Ich schaue freundlich lächelnd durchs offene Fenster und winke ihm fröhlich zu. Er winkt lachend zurück. Geht doch!


Der Demokratizid:
Wie sich die beninische Demokratie schrittweise selbst entleibt

Offiziell hat in Benin der Wahlkampf für die am 28. April anstehenden Wahlen zur Nationalversammlung, dem hiesigen Parlament, begonnen. So wie es derzeit aussieht, werden die 83 künftigen Abgeordneten nur zwei Parteien angehören, und zwar dem „Bloc Républicain“ und der „Union Progressiste“. Beide Gruppierungen stehen dem aktuellen Präsidenten Patrice Talon nahe und haben bislang seine Regierung unterstützt. Ausgeschlossen von den Wahlen sind fünf andere, meist oppositionelle Parteien, die sich – dem Verdikt der staatlichen Wahlbehörde entsprechend – nicht ausreichend für eine Teilnahme qualifiziert haben. Die letzten Wochen waren gezeichnet von Appellen ehemaliger Präsidenten, beninischen Intellektuellen aus dem In- und Ausland, der Zivilgesellschaft des Landes, der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft, den Vereinten Nationen und zuletzt der Afrikanischen Union, alle Möglichkeiten zu nutzen, die Verfassung und Wahlrecht bieten, um eine breite Beteiligung verschiedener politischer Richtungen zu erlauben. Bislang ohne Erfolg. Und es sieht wenige Tage vor dem Wahlgang nicht so aus, als ob dies noch gelingen könnte.

Glaubt man beninischen Intellektuellen, so hat es seit der Überwindung des sich selbst so bezeichnenden marxistisch-leninistischen Ein-Parteien-Staats vor 30 Jahren und der Einführung demokratischer Institutionen immer Auswege aus den politischen Krisen gegeben, in die sich Präsidenten, Regierungen und andere politische Akteure mehr oder freiwillig hineinbugsiert haben. Doch selbst sie bezeichnen mittlerweile die Situation als aussichtslos. Sie befürchten, dass der Präsident mithilfe der ihn unterstützenden Fraktionen künftig alle Verfassungsänderungen beschließen (lassen) kann, um sich mehr präsidiale Rechte und damit größere Durchschlagskraft bei der Umsetzung der von ihm angestrebten Reformen zu sichern. Dies war in der Vergangenheit an der Opposition im Parlament und am Verfassungsgericht gescheitert, die eine zu große Machtfülle des Staatsoberhauptes befürchteten.

Wie konnte es so weit kommen? Am Anfang stand, erstens, eine Veränderung der Charta der politischen Parteien, die die Nationalversammlung im Juli 2018 beschlossen hatte. Ziel der Reform war die breitere Verankerung der politischen Parteien im gesamten Benin und damit der Ausschluss ethnisch und/oder regional orientierter Zusammenschlüsse. Dies sollte vor allem dadurch erreicht werden, dass pro Gemeinde 15 „Gründungsmitglieder“ rekrutiert werden mussten, d.h. pro Partei landesweit 1.155 „membres fondateurs“.  Im September 2018 brachten die Abgeordneten dann, zweitens, das neue Wahlrechtsgesetz auf den Weg. Hier war das Ziel, die Fragmentierung der Parteienlandschaft (bislang etwa 200) zu beenden und die Bildung größerer politischer Blöcke zu fördern. Aus den 397 Paragraphen hebt sich zum einen die Pflicht zur Hinterlegung einer Kaution von umgerechnet etwa 380.000 Euro als Voraussetzung der Zulassung zur Wahl heraus. Zum anderen muss jede Partei mindestens 10 Prozent aller Stimmen auf sich vereinen, um einen Sitz in der Nationalversammlung zu erringen. Schließlich wurde dann im Februar 2019, drittens, vom nationalen Verfassungsgericht verfügt, dass die Parteien neben den beizubringenden Unterlagen der Wahlbehörde auch ein „Konformitäts-Zertifikat“ vorlegen müssen, welches vom Innenministerium ausgegeben wird.

Endgültiges Ergebnis der Prüfung der Kandidaturen durch die Wahlbehörde war die Zulassung von lediglich zwei Parteien (siehe oben), deren Unterlagen angeblich nur durch „kleinere Irregularitäten“ aufgefallen waren. Die Unterlagen aller anderen Wettbewerber wiesen inakzeptable Defizite auf, die ihre Zulassung nicht erlaubten.

Die Zeit bis zum Beginn des Wahlkampfs war von Versuchen gekennzeichnet, die verfahrene Situation aufzulösen. Weder Präsident noch Verfassungsgericht sahen sich jedoch rechtlich in der Lage, zu einer größeren Repräsentativität des Wahlgangs beizutragen. Opposition und der den Präsidenten tragende „Bloc Majoritaire“ konnten sich nicht auf eine flexible Auslegung des Wahlrechts oder die Veränderung bestehender Gesetze zugunsten einer „inklusiven Wahl“ verständigen.

Damit finden die Wahlen in Benin erstmals seit dem Ende der Diktatur und dem anschließenden „renouveau démocratique“ unter Ausschluss der Opposition statt. Ist das „Modell Benin“, das trotz der geringen geopolitischen und wirtschaftlichen Bedeutung des nur 11 Millionen Einwohner zählenden Landes an der westafrikanischen „Sklavenküste“ auf viele andere Staaten in Afrika ausstrahlte und als exemplarisch für demokratischen Wandel, regelmäßige und geordnete Wahlen und friedliche Machtübergänge galt, am Ende? Die Demokratie: „en panne“? Der soziale Frieden: gefährdet?

Es wäre verfrüht, irgendwelche Prognosen zu stellen. Dennoch lassen sich in der aktuellen Entwicklung in Benin Anzeichen eines Niedergangs demokratischer Errungenschaften beobachten. In ihrem 2018 erschienenen Buch „How Democracies Die“ weisen die amerikanischen Staatswissenschaftler Steven Levitzky und Daniel Ziblatt anhand ihrer Untersuchungen in Europa und Südamerika darauf hin, dass Demokratien heutzutage nicht mehr vorwiegend durch gewaltsame Umstürze oder Militärputsche beseitigt werden. Autokratische Herrschaftsformen setzen sich vielmehr schleichend durch, indem bürgerliche Freiheiten Stück für Stück reduziert, die Presse- und Meinungsvielfalt eingeschränkt und die rechtlichen Grundlagen zugunsten der aktuellen Machthaber verändert werden. In Benin sind seit einem Jahr die Streikrechte beschnitten und die Entlassung auch von Beamten und Angestellten erleichtert worden, was insbesondere die Angehörigen des öffentlichen Dienstes diszipliniert. Mit dem Verbot von „La Nouvelle Tribune“, der meistgelesenen kritischen Zeitung des Landes, hat die Presse eine renommierte Stimme verloren. Im Jahresbericht 2019 von „Reporters sans Frontières“ ist Benin um zwölf Plätze gefallen.[3] Die Besetzung von Ämtern in wichtigen Institutionen durch Personen aus dem näheren Umfeld des Präsidenten sowie sein erheblicher Einfluss auf Beschlüsse des Parlaments durch die ihm nahestehenden Fraktionen verändern auch die Spielregeln. Gerade Letzteres scheint eine beninische Spezialität zu sein: die Reduzierung von Spielräumen politischer Gegner und unbequemer Teile der Gesellschaft vermittels fein ziselierter bürokratischer Vorgaben, deren Legitimität nicht anzuzweifeln, deren Befolgung aber aufgrund begrenzter Kapazitäten, mangelnder Kompetenz und fehlender Ausstattung beninischer Behörden kaum möglich ist. Dieses Korsett lässt sich beliebig enger schnüren.

Es wird interessant sein zu beobachten, welcher offene oder verdeckte Widerstand im Land entsteht. Die von den Wahlen ausgeschlossene Opposition hat das beninische Volk mit markigen Worten zu machtvollen Demonstrationen gegen die Ausgrenzung ihrer Parteien aufgerufen. Dieser Appell fand bislang nur ein mäßiges Echo. Vereinzelt gab es isolierte Aktionen der Unzufriedenheit mit dem Ausschluss der Opposition, die von den eilends in die Provinz entsandten Sicherheitskräften schnell zerstreut werden konnten. Die im letzten Jahr beschafften Panzerwagen sind in vielen Gemeinden sichtbarer Ausdruck der aufmerksamen Staatsgewalt.

Die Debatte um die Verteidigung demokratischer Rechte wird in erster Linie von den intellektuellen Angehörigen der kleinen politischen Elite des Landes ausgetragen. Lässt sich im Benin – entgegen dem internationalen mainstream – eine demokratische Bewegung initiieren, nachdem ja lange vor dem „Frühling“ in anderen Staaten ein gewaltloser Übergang in eine Demokratie gelang? Das Vertrauen der Bevölkerung in Volksvertreter und Politiker wirkt trotz 30 Jahren Parlamentarismus und Gewaltenteilung nicht besonders groß. Verständlich, denn eine „demokratische Rendite“ ist bei einem Großteil der Menschen, insbesondere den Armutsgruppen, bisher nicht angekommen: das Land verharrt weiterhin auf einem der letzten Plätze internationaler sozialer und ökonomischer Indices. Die Effekte einer teilweise dynamischen Wirtschaftsentwicklung sind durch das Bevölkerungswachstum partiell kompensiert worden; der Rest des Überschusses verteilt sich an die Mitglieder einer wachsenden Mittelschicht vor allem in den urbanen Zentren im Süden Benins. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Verteilungsungerechtigkeit im Lande nach Angaben der Weltbank weiter gestiegen. Da sind die Hoffnungen in einen Präsidenten nachvollziehbar, der einen Bruch mit dem alten Schlendrian nicht nur angekündigt, sondern auch sichtbare institutionelle Veränderungen eingeleitet hat.
 
Keine guten Ausgangsbedingungen also für den Erhalt und die Weiterentwicklung demokratischer Errungenschaften. Die internationale Gemeinschaft wird sich durch die beninische Entwicklung sicherlich nicht zu spürbaren Reaktionen hinreißen lassen. Insofern bleibt es eine vorwiegend von nationalen Akteuren anzunehmende Herausforderung, neue Allianzen und Koalitionen zu bilden, um einer schleichenden Re-Autokratisierung Einhalt zu bieten und attraktive Alternativen zum bestehenden System zu präsentieren, die inklusiven wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fortschritt gleichermaßen beinhalten.

 Wassermusik (letzte Ergänzung: ab 28. Februar)

16. November

Nach sechs Wochen intensiver Renovierungsarbeit ist uns am 16. November unser neues Domizil im Wohnquartier „Patte d’Oie“ übergeben worden. Die erste Nacht mussten wir ohne Licht und Kühlung auskommen, weil nach einem Stromausfall der Hauptschalter des Zählerkastens in den Schlafmodus überging. Die Störung konnte am nächsten Morgen mühelos behoben werden. Die Rückkehr der Energiezufuhr setzte auch die Wasserpumpe, die hier wegen des geringen Leitungsdrucks unentbehrlich ist, wieder in Gang. 

 17. November
Die ganze Nacht hat die Pumpe mit einem Höllenlärm Überdruck erzeugt, ohne dass irgendwo Wasser verbraucht wurde. Ich rufe den Hausverwalter an, der seinerseits den Klempner verständigt. Beide treffen kurze Zeit später ein und versichern mir, dass die permanente Hypertonie der Pumpe völlig normal sei. Während der Unterhaltung fällt uns eine kleine Wasserlache neben dem Haus auf. Der Klempner stutzt, beginnt zu klopfen und zu graben und fördert eine munter sprudelnde Quelle, die einem defekten Rohr entspringt, zu Tage. Wir schalten die Pumpe ab.
18. November
Die Nacht war ruhig. Wenn wir duschen wollen, schalten wir die Pumpe an.
19. November
Zwei „Lehrlinge“ graben die Wasserleitung vor der Küche auf. Es gibt noch mehr Leckagen. Ein Teil des Rohrs wird mit Panzerband geflickt, für das fehlende Stück spendiert der Hausverwalter ein neues Segment. Das Rohr wird wieder einbetoniert und die Pumpe angestellt. Sie läuft unentwegt, was damit erklärt wird, dass der auf dem Garagendach befindliche Wassertank wieder gefüllt werden muss.
20. November
Die Pumpe läuft mit großem Getöse die ganze Nacht. Ich untersuche unsere Toilettenspülungen: bei zweien rauscht das Wasser nach dem Abspülen einfach weiter. Der Klempner kommt und bastelt an den Spülkästen herum. Die Pumpe läuft nur noch ab und zu an.
23. November
Die Pumpe ist rund um die Uhr im Einsatz, das Wasser in den Toiletten fließt ohne Unterlass. Der Klempner bekommt Geld für eine neue Spülkastenmechanik. Das Wasser stoppt, die Pumpe läuft.
24. November
Ich konsultiere einschlägige Internetseiten, mache mich kundig über die Volumeneffizienz in Abhängigkeit vom Drosselstrom der Lochklappe und erfahre, dass meine Pumpe über die "Fähigkeit zur Selbstanpassung bei einer Veränderung der Anlagenkennlinie" verfügt. Wir stellen die Klimaanlage höher, um die Lautstärke der Pumpe zu übertönen.
27. November
Ich rufe den Klempner an und frage nach einer „Flüsterpumpe“. Er verspricht, sich unverzüglich auf die Suche zu machen. Er wird fündig und macht mir für 180 Euro ein Angebot, was ich unter der Bedingung eines sofortigen Einbaus annehme.
28. November
Der Klempner ruft an und teilt mit, dass er eine noch bessere Pumpe gefunden habe, die mit 240 Euro geringfügig teurer, aber eben auch noch flüsternder sei. Ich willige ein.
30. November
Die neue Pumpe ist eingebaut. Tatsächlich viel leiser als das alte Gerät. Allerdings läuft auch sie die ganze Zeit. Den Ausschalter finde ich mittlerweile im Dunkeln.
2. Dezember
Ich gehe erneut auf die Suche nach der Ursache der permanenten Druckerzeugung. Steige auf einer wackeligen Leiter aufs Dach und inspiziere den Wassertank. Voll. Kein Leck. Wieder nach unten in die Waschküche. Die Mauer ist ein einziger Wasserfleck. Ich rufe den Klempner. Der klopft ein Loch in die Wand und konstatiert, dass das Wasserrohr für die Personaldusche geplatzt ist. Das Wasser für das Personal wird abgestellt.
3. Dezember
Die Wand in der Dusche wird großflächig aufgebrochen, eine neue Leitung verlegt. Nach dem Anstellen des Wassers läuft die Spülung des Personalklos ununterbrochen weiter. Es handele sich um ein antiquiertes „türkisches“ Modell, erklärt der Klempner und bietet den Einbau einer modernen Variante an. Ein Vorschlag, dessen Charme ich mich nicht entziehen kann und der nach der Bewilligung eines beträchtlichen Vorschusses in die Tat umgesetzt wird.
4. Dezember
Die Entfernung der antiken Toilette hat die Kacheln in Mitleidenschaft gezogen. Glücklicherweise kennt der Klempner einen „Kachelmann“, der allerdings erst zwei Tage später kann.
6. Dezember
Die Kacheln sind angebracht. Der Klempner kommt und stellt fest, dass der Spülkasten breiter ist als vermutet. Einige der neuen Kacheln werden wieder entfernt. Nach acht Stunden steht der Topf. Das Wasser für das Personal wird wieder angestellt.
8. Dezember
Ich habe mich vorerst damit abgefunden, die Pumpe nach Bedarf ein- und auszuschalten. 

12. Dezember 

Ich stehe eingeseift unter einem versiegenden Duschstrahl und muss zur Begeisterung des Nachtwächters mit Schaum auf Haut und lichtem Haar und in ein Handtuch gehüllt ans Pumpenhäuschen rennen, um das Gerät wieder in Gang zu bringen. Ich beschließe, in jedes Bad einen Eimer Wasser zu stellen. 

14. Dezember 

Beim mittlerweile regelmäßigen Fachsimpeln mit Klempner und Hausverwalter äußere ich die Vermutung, dass unsere Nachbarn eine uns bislang verborgene Wasserleitung zu ihrem Haus gelegt haben. Beide stellen dies in Abrede, können aber das Gegenteil nicht beweisen.
 26. Dezember
Aus der Halterung der Gegensprechanlage läuft Wasser an der Wand hinunter und durch den Korridor auf den Hof. Ein Wunder? Schwarze Magie? Schließlich ist Benin die Wiege des Voodoo … Vor der Konsultation eines der Zauberei kundigen Féticheurs rufe ich doch erst einmal den Hausverwalter an.
 27. Dezember
Der betrachtet am nächsten Morgen den sich weiter ausdehnenden Wasserschaden, weist darauf hin, dass bei älteren Häusern gelegentlich sonderbare Dinge zu beobachten sind, wobei er geheimnisvolle Kräfte nicht ausdrücklich ausschließen möchte. Er rät zu einer Periode der teilnehmenden Beobachtung, wobei der Dauereinsatz der Apparatur möglichst einzuschränken sei.
2. Januar
Der Klempner kommt aus eigenem Antrieb, untersucht bei laufender Pumpe den zu einer frischen Quelle mutierten Interkom und stellt bei eingehender Analyse der Wand unseres Badezimmers im ersten Stock ein nicht versiegendes Bächlein fest, dessen Ursprung im Mauerwerk liege. Und er zieht Konsequenzen. Die Pumpe: ausgeschaltet. Das Wasser im Haus: abgestellt. Der Boden: aufgestemmt. Ein in den Estrich gebettetes dünnes Plastikrohr: geborsten. Die Pumpe wird wieder angestellt; sie läuft unentwegt. Wir verlegen das Zentrum unserer Körperpflege ins Gästebad. Und stellen die Pumpe wieder ab.
4. Januar
Die Wasserrechnung kommt. Wir haben im November 43.000 Liter Wasser verbraucht, obwohl wir erst Mitte des Monats eingezogen sind.
5. Januar
Ich bezahle die Wasserrechnung. Die Kasse der Wasserwerke hat auch samstags auf.
6. Januar
 
Ich rufe den Hausverwalter an und beschwöre ihn bei den Heiligen Drei Königen, das Problem zu lösen. Der angerufene Klempner, Moslem und daher sonntags nicht in religiösen Angelegenheiten unterwegs, gräbt das Erdreich um die Pumpe auf, stellt eine aus fachlicher Sicht nicht zu begründende Diversität von Plastikrohren unterschiedlichen Alters, heterogener Diameter und zum Teil unklarer Herkunft fest, verschließt hier einen Anschluss, untersucht dort ein Fitting, schraubt an diversen Dichtungen herum und konstatiert nach einem kurzen Mittagsschlaf, dass es ein nicht unbeträchtliches Leck sein müsse, welches - unter dem Pflaster der etwa 20 Meter langen Garageneinfahrt - den Grundwasserspiegel Cotonous alimentiere. 

9. Januar 

Das Haus ist zwischenzeitlich halbseitig von einem 25 Zentimeter großen Graben umgeben, die Versorgungsleitung freigelegt – und das Leck am Ende der Ausgrabung gefunden! Ich lehne die mir angediente Reparatur mittels Gummibandage, Silikon und Plastikklebstoff ab und finanziere die Installation einer neuen, schöneren, strapazierfähigeren Röhre aus – so wird mir versichert – ghanaischen Qualitätswerkstoffen. 

12. Januar 

Die Dichtigkeitsprüfung der neuen Leitung verläuft erfolgreich. Doch fließt jetzt ein kleines Rinnsal kontinuierlich aus dem Heißwasserbereiter im Gästebad. Nach einem halben Tag Schrauben, Löten und Beten kommt der Klempner zu dem Schluss, dass das Teil irreparabel ist. Der herbeigerufene Hausverwalter stimmt einer Neuanschaffung des Boilers unter zwei Bedingungen zu. Erstens solle das neue Chauffe-eau aus Kostengründen kleiner sein als das vorhandene. Zweitens müsse ich wegen akuter Liquiditätsengpässe der Vermieterin, die vermutlich spätestens bei der nächsten Entrichtung des Mietzinses beseitigt seien, in eine Vorfinanzierung eintreten, was ich angesichts der Dauer bis zum nächsten Fälligkeitstermin fröhlich zusage. 

17. Januar 

Der Graben ist verfüllt, die Oberfläche versiegelt, die Therme installiert. Das Wasser kommt mit Druck und Temperatur aus Hahn und Brause. Die Pumpe fördert flüsternd und nur noch bei Bedarf. Ich bezahle die noch ausstehenden Löhne mit Tränen in den Augen und verabschiede das mir ans Herz gewachsene Duo Klempner und Hausverwalter mit einem Lächeln auf den Lippen. Der Nachtwächter unterbricht brüsk die zauberhafte Stimmung dieses elegischen Miteinanders mit dem Hinweis, dass es beim Versuch, die Außenbeleuchtung einzuschalten, im Kipptaster knistere und die Lichter nur angingen, wenn man einen bislang an der Illumination des Geländes nicht beteiligten Schalter betätige. Meine beiden Experten verlassen mit dem Verweis auf dringende Geschäfte respektive mangelnde fachliche Expertise die Terrasse. Und ich frage mich: Folgt auf die Wassermusik nun die Feuerwerksmusik?
28. Februar

Sechs Wochen lang ist nichts passiert. Jetzt beschweren sich die Nachtwächter, dass sie bei der Betätigung der Klospülung nasse Hosen bekommen, was nichts mit ihrem vorherigen Geschäft zu tun hat. Es ist wahr: das Wasser schießt mit dem Druck einer Feuerwehrspritze aus der Schüssel und benetzt, falls es nicht unsere Beschützer trifft, Boden, Decken und Wände. Auch mir war schon im Bad aufgefallen, dass eine Viertelsekunde nach dem Öffnen der Wasserhähne ein ausgesprochen kräftiger Strahl aus der Leitung kam, der die Zahnbürste fast ihrer Borsten beraubte. Ich dachte an Rohre, Muffen, T-Stücke, Fittings, Batterien, Siphons, Ventile und Verschlussklappen, allesamt Schwachstellen unserer Sanitärinstallation, und kam zu dem Ergebnis, dass meine Flüsterpumpe dringend einer Drosselung bedurfte. 

Im Internet wurde ich fündig und bestellte ein formschönes Druckreduzierventil 3/4 Zoll NW 20 mit farbigem Manometer, das sich durch eine perfekte Eingangsdruckkontrolle samt Rückflussverhinderung auszeichnet und jeden variablen Eingangsdruck auf einen konstanten Ausgangsdruck mindert, wobei beim Unterschreiten des Eingangsdruckes unter den eingestellten Wert das Ventil selbständig schließt. Das hatte ich selbstverständlich nicht anders erwartet. Der Klempner, lange ohne Auftrag und mit Sehnsucht nach unseren sanitären Einrichtungen, schraubte das Teil fröhlich zwischen Pumpe und Zuleitung. Und auch ich war sehr zufrieden, dass wir nach dem ursprünglichen Einbau eines „Überdrucknachverdichters“ – wie der „Surpresseur“ technisch heißt - mit dem Reduzierventil nun auch seinen Widerpart erfolgreich in unser System eingebaut haben.

23. April

Der Installateur ruft an und erkundigt sich nach meinem werten Wohlbefinden. Ich freue mich über seine Fürsorge und wünsche nachträglich frohe Ostern. Unsere Hausdame habe ihn darüber informiert, dass die Waschmaschine nur kalt wasche. Sie wünsche sich eine Warmwasserleitung zur Maschine. Dieses nachvollziehbare Verlangen ließ auch mich nicht kalt, sodass ich ihn einlud, am nächsten Tag mit mir gemeinsam eine Ortsbesichtigung in unserer Waschküche vorzunehmen.

Er brachte den Kostenvoranschlag direkt mit und schlug vor, die Rohre in den Zwischenräumen der Hofplatten quasi mäandernd zu verlegen, was die notwendigen Stemmarbeiten auf ein vertretbares Maß schrumpfen ließe. Ich bestand aber darauf - sozusagen vom Ende her denkend – zunächst die Waschmaschine zu inspizieren.

Es stellte sich heraus, dass es kein zweites Einlassventil für warmes Wasser gab. Das stelle kein Problem dar, meinte mein Techniker. Man könne zwischen Warmwasser- und Kaltwasserhahn ein T-Stück montieren, sodass beide gleichmäßig in Anspruch genommen würden. Meinen Einwand, dann sei die Wassermischung ja lauwarm und erzeuge nicht die gewünschte Reinigungswirkung, wischte er mit dem Vorschlag beiseite, er könne auch an jede Zuleitung einen Hahn montieren, sodass die Wäscherin je nach Bedarf mal den einen und mal den anderen öffnen könne. Da meine Vorstellung von einem Waschvollautomaten von der seinigen marginal abwich, inspizierte ich dieses Mal die Vorderseite des Geräts und entdeckte einen von den bisherigen Nutzern offenbar nicht als maßgeblich angesehenen Schalter, mit dem die Temperatur von der Grundeinstellung Null Grad bis auf 90 Grad Celsius hochgeregelt werden konnte. Der Klempner traute dem Braten nicht und bezweifelte, dass man auf diese Weise das in der Maschine befindliche Wasser erhitzen könne. Ich versprach die Durchführung eines Tests am nächsten Tag.

Ja, die Waschmaschine wäscht auch warm. Wer hätte das gedacht?